Morbus Köhler II (Freiberg-Krankheit): Schmerzen am zweiten Mittelfussköpfchen behandeln

Ein hartnäckiger Schmerz unter oder oberhalb des zweiten Zehengrundgelenks wird häufig als gewöhnliche Überlastung des Vorfusses angesehen. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen kann jedoch eine seltenere Erkrankung dahinterstecken: Morbus Köhler II, international meist Freiberg-Krankheit oder Freiberg's disease genannt. Dabei kommt es zu Veränderungen des Gelenkkopfes eines Mittelfussknochens. Im weiteren Verlauf können Abflachung, Einbruch der Gelenkfläche und Gelenkverschleiss auftreten.
Gerade weil sich die Symptome mit einer Plantarplattenverletzung, einem Morton-Neurom oder einer Stressfraktur überschneiden können, ist die richtige Diagnostik besonders wichtig. Dieser Artikel behandelt gezielt die Erkrankung des Mittelfussköpfchens und nicht allgemein jeden Fussballenschmerz.

Was passiert bei Morbus Köhler II?
Die Mittelfussknochen verbinden Fusswurzel und Zehen. An ihrem vorderen Ende tragen sie die Mittelfussköpfchen, die beim Abrollen einen Teil des Körpergewichts übertragen. Besonders häufig ist bei der Freiberg-Krankheit das Köpfchen des zweiten Mittelfussknochens betroffen; andere Mittelfussköpfchen können ebenfalls erkranken.
Die Erkrankung wird häufig als Osteonekrose beziehungsweise Osteochondrose beschrieben. Gemeint ist eine Störung, bei der Knochen und die angrenzende Gelenkfläche strukturell verändert werden. Als Ursachen werden wiederholte Mikrotraumen, biomechanische Faktoren und eine ungünstige lokale Durchblutung diskutiert. Ein einzelner gesicherter Auslöser ist nicht bekannt.
Ist das dieselbe Erkrankung wie Morbus Köhler I?
Nein. Im deutschsprachigen Raum bezeichnet Morbus Köhler I typischerweise eine Osteochondrose des Kahnbeins im Fuss bei jüngeren Kindern. Morbus Köhler II betrifft dagegen das Mittelfussköpfchen und wird als Freiberg-Krankheit bezeichnet. Die ähnlichen Namen sollten nicht zu einer Verwechslung der betroffenen Knochen führen.
Wer erkrankt und welche Symptome entstehen?
Die Freiberg-Krankheit wird besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen beschrieben, häufiger bei weiblichen Personen. Sie kann aber auch später auftreten. Typisch sind Schmerzen beim Abrollen und Druck auf dem betroffenen Mittelfussköpfchen. Schwellung, eine eingeschränkte Beweglichkeit des Zehengrundgelenks und ein verändertes Gangbild können hinzukommen.
Manche Betroffene vermeiden das Abrollen über den schmerzhaften Zeh. Bei fortgeschrittenen Veränderungen kann das Gelenk steifer werden, und Schuhe mit engem Vorfussbereich werden unangenehm.
Worin unterscheidet sich das von einer Plantarplattenverletzung?
Eine Plantarplattenverletzung betrifft eine stabilisierende Weichteilstruktur unter dem Zehengrundgelenk. Dabei kann insbesondere eine Zeheninstabilität oder zunehmende Fehlstellung auftreten. Bei Morbus Köhler II steht dagegen die knöcherne und knorpelige Veränderung des Mittelfussköpfchens im Vordergrund. Beides kann an sehr ähnlicher Stelle wehtun.
Beim Morton-Neurom sind brennende oder elektrisierende Beschwerden im Zwischenraum der Mittelfussköpfchen charakteristischer. Eine diagnostische Zuordnung allein aus der Schmerzbeschreibung ist trotzdem nicht zuverlässig.
Wie entsteht die Erkrankung?
Der Mechanismus gilt als multifaktoriell. Die Fachliteratur diskutiert wiederholte Belastung, besondere Druckverhältnisse am zweiten Mittelfussköpfchen und eine vorübergehend unzureichende Blutversorgung bestimmter Knochenbereiche. Daraus entwickelt sich im Verlauf eine Veränderung der tragenden Gelenkfläche.
Die Tatsache, dass sportlich aktive Jugendliche überrepräsentiert sind, bedeutet nicht, dass Sport allein die Erkrankung verursacht. Weder eine bestimmte Fussform noch ein einzelner Schuh kann bei allen Betroffenen als Ursache nachgewiesen werden.
Kann eine hohe Trainingsbelastung die Schmerzen verstärken?
Ja. Wiederholte Sprung-, Lauf- und Abrollbelastungen können ein bereits empfindliches Zehengrundgelenk stärker beanspruchen. Das rechtfertigt eine vorübergehende Anpassung der Sportbelastung. Es bedeutet aber nicht, dass die knöcherne Veränderung allein durch mehr oder weniger Training sicher verschwindet.
Wann ist eine medizinische Untersuchung wichtig?
Anhaltender punktueller Schmerz am zweiten Zehengrundgelenk, sichtbare Schwellung, zunehmende Gelenksteife oder deutliche Einschränkungen beim normalen Gehen sollten ärztlich untersucht werden. Insbesondere bei Jugendlichen ist es sinnvoll, eine strukturelle Gelenkerkrankung früh zu erkennen.
Nach einem Unfall mit starker Schwellung, Fehlstellung oder fehlender Belastbarkeit muss eine Fraktur ausgeschlossen werden. Fieber, eine heisse gerötete Region, Durchblutungsstörungen oder offene Wunden erfordern rasche beziehungsweise dringliche Abklärung.
Wie wird Morbus Köhler II diagnostiziert?
Die körperliche Untersuchung erfasst den genauen Schmerzpunkt, Schwellung, Beweglichkeit des Zehengrundgelenks, Zehenstellung und das Gangbild. Belastete Röntgenaufnahmen können je nach Stadium eine Verdichtung, Abflachung oder Veränderung der Gelenkfläche zeigen. Früh im Verlauf können deutliche Veränderungen jedoch fehlen.
Ein MRT kann hilfreich sein, wenn eine frühe Erkrankung vermutet wird und das Röntgen die Beschwerden nicht ausreichend erklärt. Es kann Veränderungen im Knochenmark und der Gelenkstruktur zeigen. Die Bildgebung dient ausserdem der Abgrenzung zu Knochenstress und anderen Ursachen.
Die Stadien nach Smillie
Die klassische Einteilung beschreibt den Übergang von frühen subchondralen Veränderungen bis zu deutlicher Gelenkdeformierung und Arthrose. In frühen Stadien kann die tragende Gelenkfläche noch weitgehend erhalten sein. Später kann sie einbrechen, sich unregelmässig verändern und arthrotische Beschwerden verursachen.
Das Stadium ist für die Behandlung relevant, sollte aber nicht isoliert von Schmerz, Alter, Aktivitätsanforderungen und funktionellen Einschränkungen betrachtet werden.
Was sagt die wissenschaftliche Literatur zur Behandlung?
Ein 2024 veröffentlichter Behandlungsalgorithmus wertete vorhandene Studien und Expertenmeinungen aus. Für frühe Stadien werden zuerst konservative Massnahmen empfohlen: Belastungsreduktion, geeignete Schuhversorgung, druckentlastende Einlagen und bei Bedarf zeitlich begrenzter Schutz des betroffenen Gelenks.
Die Autorinnen und Autoren betonen, dass viele operative Verfahren nur in kleineren Fallserien untersucht wurden. Auch ein systematischer Review von 2021 dokumentiert eine insgesamt niedrige Evidenzqualität zur Wahl einer bestimmten Operation. Das macht es wichtig, zwischen gesicherter Diagnose, plausibler Strategie und nachgewiesenem Behandlungseffekt zu unterscheiden.
Druckentlastung im Alltag
Schuhe mit ausreichend breitem Vorfussraum und einer geeigneten Sohle können die Belastung des schmerzhaften Mittelfussköpfchens verändern. Eine fachgerecht positionierte Mittelfusspelotte oder andere Einlagenversorgung kann Druck umlenken. Direktes Drücken auf die empfindliche Gelenkregion ist dagegen wenig sinnvoll.
Ist eine Ruhigstellung notwendig?
Je nach Schmerz, Stadium und Belastbarkeit kann eine zeitlich begrenzte Ruhigstellung oder reduzierte Belastung notwendig sein. Das entscheidet die behandelnde Fachperson. Eine frühe, strukturell relevante Knochenveränderung sollte nicht einfach mit täglichem Barfusstraining oder Sprüngen behandelt werden.
Welche Rolle spielt Physiotherapie?
Physiotherapie kann in späteren Phasen Beweglichkeit, Muskelkraft, Gangbild und die Rückkehr zu verträglicher Belastung unterstützen. Sie kann jedoch eine eingedrückte Gelenkfläche nicht durch bestimmte Übungen anatomisch zurückformen. Ein realistisches Rehabilitationsziel ist daher entscheidend.
Wann kommt eine Operation infrage?
Bei fortgeschrittenem Stadium mit anhaltenden Beschwerden trotz angemessener konservativer Behandlung kann eine Operation diskutiert werden. Zu den Verfahren zählen knöcherne Korrekturen, Gelenkflächenbehandlungen und in ausgewählten Fällen Knorpel-Knochen-Transplantationen. Welche Technik geeignet ist, richtet sich nach der erhaltenen Gelenkfläche und den individuellen Voraussetzungen.
Eine Metaanalyse von 2026 verglich die dorsale Keilosteotomie mit autologer osteochondraler Transplantation bei fortgeschrittener Freiberg-Krankheit. Die Analyse fand Hinweise auf unterschiedliche funktionelle Ergebnisse und Komplikationsraten. Die zugrunde liegenden Studien sind jedoch zahlenmässig begrenzt; die Ergebnisse reichen nicht aus, um allen Betroffenen eine bestimmte Operation zu empfehlen.
Sechs sichere Schritte für den Wiederaufbau
Ein festes Standardübungsprogramm wäre bei einer Knochen- und Gelenkerkrankung unseriös. Die folgenden Schritte sind deshalb als Orientierung für ärztlich abgeklärte und zur Bewegung freigegebene Fälle gedacht. Stadium, schmerzhafte Belastung und eventuell verordnete Ruhigstellung haben Vorrang.
Schritt 1: Druckarme Zehenbewegung
Bewege die Zehen im Sitzen sanft innerhalb eines schmerzarmen Bereichs. Vermeide kräftiges Hochbiegen des betroffenen Zehengrundgelenks. Ziel ist eine alltagstaugliche Beweglichkeit, nicht ein schnelles Aufdehnen der Gelenkfläche.
Schritt 2: Sprunggelenk in Bewegung halten
Leichte Auf- und Abbewegungen des Sprunggelenks können in vielen Situationen möglich sein, sofern eine Schiene oder ärztliche Vorgabe nicht dagegen spricht. Bei jeder Übung gilt, die empfindliche Vorfussregion nicht unnötig zu belasten.
Schritt 3: Fussgewölbe kontrolliert aktivieren
Im Sitzen kann die Fussmuskulatur mit sehr kleinen Bewegungen aktiviert werden. Vermeide kräftiges Zehenkrallen und direkten schmerzhaften Druck. Die Übung soll die allgemeine Kontrolle unterstützen und nicht den Knochen umbauen.
Schritt 4: Belastetes Gehen wieder erlernen
Nach Freigabe wird das normale Gehen auf ebenem Untergrund schrittweise aufgebaut. Geeignetes Schuhwerk kann das Abrollen erleichtern. Erst bei symptomarmer Belastung wird die Gehstrecke verlängert.
Schritt 5: Wadenkraft zurückgewinnen
Beidbeiniges Wadenheben beansprucht den Vorfuss. Es gehört daher nicht in eine schmerzhafte frühe Phase, sondern erst in den späteren Aufbau nach fachlicher Freigabe. Beginne mit niedriger Belastung und einer sicheren Stütze.
Schritt 6: Rückkehr zu Lauf- und Sprungsport
Sportartspezifische Belastung wird zuletzt gesteigert. Gerade Sprünge übertragen hohe Kräfte auf die Mittelfussköpfchen. Entscheidend sind die Beschwerden, der klinische Befund und die ärztliche Einschätzung der Gelenksituation.
Was sind häufige Fehler?
Ein häufiger Fehler ist, anhaltenden punktuellen Knochen- oder Gelenkschmerz als gewöhnliche Verspannung abzutun. Ebenso problematisch ist aggressives Dehnen in eine schmerzhafte Endposition. Die Erkrankung braucht in erster Linie eine korrekte Diagnose und angemessene Entlastung.
Eine weitere Verwechslungsgefahr betrifft die Stressfraktur des Mittelfusses. Knochenstressverletzungen können ebenfalls unter Belastung entstehen, betreffen jedoch häufig andere Abschnitte des Mittelfussknochens und können ein anderes Behandlungsschema erfordern.
Video: Der Ansatz von Mein Physio
Das Video stellt die Arbeitsweise von Mein Physio vor. Es handelt sich nicht um eine individuelle Übungsanleitung für Morbus Köhler II.
Häufige Fragen
Ist Morbus Köhler II dasselbe wie eine Arthrose?
Die Erkrankung kann im fortgeschrittenen Verlauf zu arthrotischen Gelenkveränderungen führen. Frühe Stadien sind nicht mit einer bereits ausgeprägten Arthrose gleichzusetzen.
Warum schmerzt besonders der zweite Zeh?
Häufig ist das Köpfchen des zweiten Mittelfussknochens betroffen. Beim Abrollen wird diese Gelenkregion belastet und kann dadurch schmerzhaft sein.
Ist ein MRT nötig?
Nicht bei jedem typischen fortgeschrittenen Befund. Wenn das Röntgen unauffällig ist, aber eine frühe knöcherne Erkrankung vermutet wird, kann ein MRT sinnvoll sein.
Kann ich weiter joggen?
Bei schmerzhafter aktiver Erkrankung muss die Belastung reduziert und ärztlich eingeordnet werden. Ein voreiliger Wiedereinstieg kann Beschwerden verstärken.
Hilft eine Einlage?
Eine geeignete Druckentlastung kann Symptome reduzieren. Die Einlage muss zur individuellen Fussmechanik und Schmerzregion passen.
Ist jede Vorfussarthrose Morbus Köhler II?
Nein. Eine Arthrose des Grosszehengrundgelenks (Hallux rigidus) betrifft eine andere Gelenkregion und ist anatomisch sowie therapeutisch davon abzugrenzen.
Braucht man immer eine Operation?
Nein. Vor allem frühe Stadien werden zunächst konservativ behandelt. Bei anhaltenden Beschwerden oder fortgeschrittener Gelenkdeformierung können operative Verfahren diskutiert werden.
Brennende oder kribbelnde Beschwerden an der Fusssohle können auch bei einem Tarsaltunnelsyndrom auftreten. Dort steht ein Nervenengpass und nicht die Schädigung eines Mittelfussköpfchens im Vordergrund.
Fazit
Morbus Köhler II beziehungsweise die Freiberg-Krankheit ist eine eigenständige Erkrankung des Mittelfussköpfchens. Sie sollte bei anhaltenden Schmerzen am zweiten Zehengrundgelenk berücksichtigt werden, besonders bei jungen Menschen. Die Diagnose basiert auf Untersuchung und geeigneter Bildgebung. Frühe Stadien werden häufig konservativ entlastet; bei ausgeprägten Gelenkveränderungen stehen verschiedene Operationstechniken zur Verfügung, für die die Vergleichsevidenz bislang begrenzt ist.
Wissenschaftliche Quellen
• Yoshimura, I., et al. (2024). Evidence-based treatment algorithm for Freiberg disease. *Cartilage*. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10985393/ — Fachübersicht mit Stadieneinteilung und Therapiealgorithmus, teils auf Expertenmeinungen gestützt.
• *Autologous osteochondral transplantation versus dorsiflexion closing wedge metatarsal osteotomy for Freiberg's disease: A systematic review and meta-analysis*. (2026). *Foot and Ankle Surgery, 32*(4), 333–342. https://doi.org/10.1016/j.fas.2025.12.008 — Aktuelle Vergleichsanalyse zu Operationstechniken bei fortgeschrittenen Stadien und deren methodischen Grenzen.
• Alhadhoud, M. A., Alsiri, N. F., Daniels, T. R., & Glazebrook, M. A. (2021). Surgical interventions of Freiberg's disease: A systematic review. *Foot and Ankle Surgery, 27*(6), 606–614. https://doi.org/10.1016/j.fas.2020.08.005 — Systematischer Review mit Hinweis auf geringe Qualität zahlreicher operativer Fallserien.
• *Evidence-based treatment algorithm for Freiberg disease* (2024). https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/19476035231205676 — Verlagsfassung der oben genannten fachlichen Übersicht für weiterführende Angaben zur Stadienbehandlung.
Mein Physio Akademie
Weitere wissenschaftsorientierte Informationen über Fussgesundheit, Bewegung und Rehabilitation findest du in der Mein Physio Akademie. Bei anhaltendem punktuellem Vorfussschmerz sind Diagnostik und individuelle Versorgung vorrangig.




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