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Schienbeinschmerzen beim Joggen: Ursachen, Schienbeinkantensyndrom und 5 hilfreiche Übungen

vor 13 Stunden
12 Min. Lesezeit

Schmerzen an der Innenseite des Schienbeins gehören zu den typischen Beschwerden, die besonders bei Laufanfängern und sportlich aktiven Menschen auftreten können. Häufig beginnen die Schmerzen zunächst nur während des Joggens. Nach einigen Minuten macht sich ein unangenehmes Ziehen entlang des Schienbeinknochens bemerkbar, das bei zunehmender Belastung stärker werden kann. Manche Betroffene verspüren die Beschwerden erst nach dem Training, andere bereits bei den ersten Schritten.

Oft wird vermutet, dass die Muskulatur lediglich verspannt ist oder der Körper sich zunächst an die neue Belastung gewöhnen muss. Tatsächlich kann hinter solchen Beschwerden jedoch ein sogenanntes Schienbeinkantensyndrom stecken. Medizinisch wird diese Erkrankung als Medial Tibial Stress Syndrome, kurz MTSS, bezeichnet. Im englischsprachigen Raum ist häufig von „Shin Splints“ die Rede.

Schienbeinschmerzen sollten nicht grundsätzlich ignoriert werden. Zwar handelt es sich häufig um eine gut behandelbare Überlastungsproblematik, allerdings können ähnliche Beschwerden auch durch knöcherne Stressverletzungen, beispielsweise eine Stressfraktur des Schienbeins, entstehen. Deshalb ist eine sorgfältige Unterscheidung wichtig.

In meiner physiotherapeutischen Arbeit begegnen mir immer wieder Menschen, deren Beschwerden im Zusammenhang mit einer veränderten körperlichen Belastung stehen. Besonders häufig spielt dabei das Verhältnis zwischen Belastung und Belastbarkeit eine entscheidende Rolle. Unser Körper kann sich an viele unterschiedliche Trainingsreize anpassen, benötigt dafür jedoch ausreichend Zeit und geeignete Bedingungen.

In diesem Artikel erkläre ich dir, welche Ursachen hinter Schienbeinschmerzen beim Joggen stecken können, woran du ein Schienbeinkantensyndrom erkennst, welche Übungen sinnvoll sind und wie du wieder schrittweise ins Lauftraining einsteigen kannst.



Was ist ein Schienbeinkantensyndrom?

Das Schienbeinkantensyndrom beschreibt belastungsabhängige Schmerzen entlang der hinteren inneren Kante des Schienbeinknochens. Besonders häufig sind Läufer, Soldaten und Menschen betroffen, die regelmässig sportliche Aktivitäten mit wiederholten Lauf- oder Sprungbelastungen ausführen.

Früher wurde häufig angenommen, dass das Schienbeinkantensyndrom hauptsächlich durch eine Entzündung der Knochenhaut entsteht. Diese Vorstellung ist jedoch zu einfach.

Heute wird das Beschwerdebild stärker im Zusammenhang mit wiederholten mechanischen Belastungen des Schienbeinknochens und seiner Anpassungsfähigkeit betrachtet. Dabei können auch angrenzende Gewebe beteiligt sein.

Knochen sind keineswegs starre Strukturen. Sie befinden sich in einem ständigen Umbauprozess und reagieren auf mechanische Belastungen. Beim Laufen entstehen Kräfte, die über Muskeln, Sehnen und Gelenke auf die Knochen übertragen werden.

Werden diese Belastungen schrittweise gesteigert, kann sich der Körper daran anpassen. Erfolgt eine Belastungssteigerung dagegen schneller, als die entsprechenden Strukturen sie tolerieren, können Beschwerden entstehen.

Wichtig ist jedoch, dass ein Schienbeinkantensyndrom nicht automatisch mit einer Stressfraktur gleichzusetzen ist. Beide Erkrankungen können zwar im Zusammenhang mit wiederholter Belastung auftreten, unterscheiden sich aber in ihren diagnostischen Merkmalen und teilweise auch in ihrer Behandlung.



Welche Symptome sind typisch für Shin Splints?

Das häufigste Symptom sind Schmerzen entlang der inneren Schienbeinkante. Diese befinden sich typischerweise im mittleren bis unteren Bereich des Unterschenkels.

Viele Betroffene berichten zunächst über ein Ziehen oder Druckgefühl beim Joggen. Die Beschwerden können während des Trainings zunehmen oder sich nach einer Belastung bemerkbar machen.

Charakteristisch ist häufig eine Druckempfindlichkeit über einem längeren Abschnitt der Schienbeinkante. In der klinischen Untersuchung wird bei einem typischen MTSS häufig eine schmerzhafte Strecke von mindestens fünf Zentimetern beschrieben.

Das unterscheidet das Beschwerdebild von bestimmten knöchernen Stressverletzungen, bei denen der Schmerz stärker auf eine kleine Stelle begrenzt sein kann.

Allerdings reicht dieses Merkmal allein nicht aus, um eine Stressfraktur sicher auszuschliessen.

Mit zunehmender Beschwerdedauer können auch gewöhnliche Alltagsbelastungen unangenehm werden. Wer beispielsweise bereits beim Gehen Schmerzen verspürt, sollte die Ursache genauer untersuchen lassen.

Besonders wichtig ist, dass starke Ruheschmerzen, ausgeprägte nächtliche Beschwerden oder eine sehr punktuelle Knochenempfindlichkeit nicht einfach als gewöhnliche Shin Splints betrachtet werden sollten.



Warum entstehen Schienbeinschmerzen beim Joggen?

Die Entstehung ist multifaktoriell. Es gibt nicht eine einzelne Ursache, die sämtliche Fälle erklärt.

Besonders relevant ist häufig eine Veränderung der Trainingsbelastung. Wer beispielsweise nach längerer Sportpause wieder mit dem Joggen beginnt und innerhalb kurzer Zeit mehrere längere Läufe absolviert, belastet die Strukturen des Unterschenkels möglicherweise stärker, als sie aktuell tolerieren können.

Auch der Wechsel von zwei auf fünf Laufeinheiten pro Woche kann eine erhebliche Veränderung darstellen, selbst wenn die Laufstrecken vergleichsweise kurz bleiben.

Weitere mögliche Einflussfaktoren sind die individuelle Lauftechnik, die Beweglichkeit des Sprunggelenks, die körperliche Belastbarkeit und vorausgegangene Beschwerden.

Studien haben zudem bestimmte Risikofaktoren identifiziert, darunter ein höherer Body-Mass-Index, frühere Schienbeinkantensyndrome und einige biomechanische Merkmale.

Allerdings bedeutet ein statistischer Risikofaktor nicht automatisch, dass er bei jedem einzelnen Menschen die Ursache der Beschwerden ist.

Aus physiotherapeutischer Sicht sollte deshalb immer die gesamte Belastungssituation betrachtet werden, statt ausschliesslich nach einer vermeintlichen Fehlstellung des Fusses zu suchen.



Sind falsche Laufschuhe die Ursache?

Viele Menschen vermuten bei Schienbeinschmerzen zunächst, dass ihre Laufschuhe nicht ausreichend dämpfen oder zu wenig Stabilität bieten.

Tatsächlich kann das Schuhwerk die Belastung beim Laufen beeinflussen. Daraus folgt jedoch nicht, dass ein bestimmter Schuh grundsätzlich vor Schienbeinschmerzen schützt.

Der Zusammenhang zwischen Schuhkonstruktion, Lauftechnik und Überlastungsbeschwerden ist komplex. Individuelle Faktoren spielen eine erhebliche Rolle.

Wichtig ist deshalb, dass Laufschuhe bequem sitzen und zur jeweiligen sportlichen Aktivität passen.

Wer mit bestimmten Schuhen regelmässig Beschwerden entwickelt, kann gegebenenfalls ein anderes Modell ausprobieren. Ein teurer Laufschuh ist allerdings keine Garantie dafür, dass ein Schienbeinkantensyndrom verhindert wird.

Ebenso lässt sich nicht pauschal behaupten, dass Menschen mit einem abgesenkten Fussgewölbe immer stabilisierende Laufschuhe benötigen.

Viel entscheidender ist häufig, wie das gesamte Trainingsprogramm aufgebaut ist und wie gut sich die Belastung an die persönliche Leistungsfähigkeit anpasst.



Schienbeinkantensyndrom oder Stressfraktur: Was ist der Unterschied?

Die Unterscheidung zwischen einem Schienbeinkantensyndrom und einer knöchernen Stressverletzung gehört zu den wichtigsten Aspekten bei der Untersuchung von Schienbeinschmerzen.

Beim typischen Schienbeinkantensyndrom bestehen häufig diffuse, belastungsabhängige Schmerzen entlang eines längeren Abschnitts der inneren Schienbeinkante.

Eine Stressfraktur entsteht dagegen, wenn wiederholte Belastungen zu einer knöchernen Schädigung führen, die über die normale Anpassungsfähigkeit hinausgeht. Dabei können zunächst kleinere Stressreaktionen entstehen, bevor sich im weiteren Verlauf eine Frakturlinie entwickelt.

Die Beschwerden einer Stressfraktur können sich stärker auf einen bestimmten Punkt konzentrieren. Auch Schmerzen bei gewöhnlichen Alltagsbewegungen oder in Ruhe können auftreten.

Besonders problematisch sind bestimmte Stressverletzungen an der vorderen Schienbeinkante, da diese als Hochrisikoverletzungen eingestuft werden können.

Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 betont deshalb, dass der Wiedereinstieg ins Laufen nach einer knöchernen Stressverletzung individuell erfolgen muss und verschiedene klinische Kriterien berücksichtigt werden sollten.

Wenn der Verdacht auf eine Stressfraktur besteht, sollte die Diagnose ärztlich abgeklärt werden. Ein einfaches Röntgenbild kann insbesondere in frühen Stadien unauffällig sein. In bestimmten Fällen ist eine Magnetresonanztomografie erforderlich.



Wie wird das Schienbeinkantensyndrom diagnostiziert?

Die Diagnose wird hauptsächlich anhand der Anamnese und körperlichen Untersuchung gestellt.

Dabei wird zunächst erfragt, wann die Beschwerden begonnen haben und welche Aktivitäten sie verstärken.

Besonders wichtig ist, ob das Lauftraining kurz vor Beginn der Schmerzen verändert wurde. Auch frühere Verletzungen und die allgemeine körperliche Belastbarkeit werden berücksichtigt.

Bei der Untersuchung wird die Schienbeinkante vorsichtig abgetastet. Typisch ist eine Druckempfindlichkeit entlang eines längeren Abschnitts der inneren Schienbeinkante.

Zusätzlich werden die Beweglichkeit des Sprunggelenks, die Muskelkraft und gegebenenfalls funktionelle Bewegungen untersucht.

Bei unklaren Befunden oder Verdacht auf eine andere Erkrankung können weiterführende Untersuchungen notwendig sein.

Neben einer Stressfraktur muss beispielsweise auch an ein chronisches belastungsabhängiges Kompartmentsyndrom gedacht werden. Dabei steigt der Druck innerhalb eines Muskelkompartiments während der Belastung an und kann Schmerzen, Spannungsgefühle und neurologische Symptome verursachen.

Deshalb sollte nicht jeder Schmerz im Unterschenkel automatisch als Schienbeinkantensyndrom eingeordnet werden.



Was hilft wirklich gegen Schienbeinschmerzen?

Eine der wichtigsten Massnahmen besteht darin, die belastenden Aktivitäten vorübergehend anzupassen.

Das bedeutet nicht, dass sämtliche körperlichen Aktivitäten eingestellt werden müssen. Vielmehr sollte die Belastung so verändert werden, dass eine weitere deutliche Verschlechterung vermieden wird.

Wer beispielsweise nach fünf Minuten Joggen zunehmende Schmerzen entwickelt, sollte nicht versuchen, das ursprüngliche Trainingsprogramm unverändert fortzusetzen.

Stattdessen können vorübergehend besser verträgliche Aktivitäten eingesetzt werden.

Dazu gehören beispielsweise Schwimmen, Radfahren oder andere Trainingsformen, sofern diese keine Beschwerden auslösen.

Gleichzeitig kann ein angepasstes Krafttraining sinnvoll sein, um die Belastbarkeit der unteren Extremität zu verbessern.

Entscheidend ist jedoch, dass es keine einzelne Übung gibt, die das Schienbeinkantensyndrom bei jedem Menschen zuverlässig beseitigt.

Die Behandlung muss sich an der individuellen Ursache, der Symptomschwere und dem bisherigen Trainingsverlauf orientieren.



Sollte man mit Shin Splints weiter joggen?

Ob und in welchem Umfang das Lauftraining fortgesetzt werden kann, hängt vom individuellen Beschwerdebild ab.

Bei deutlichen oder zunehmenden Schmerzen sollte die Laufbelastung zunächst reduziert beziehungsweise unterbrochen werden, bis eine ausreichende Untersuchung erfolgt ist.

Besonders wichtig ist das, wenn eine knöcherne Stressverletzung nicht ausgeschlossen werden kann.

Bei einem unkomplizierten Schienbeinkantensyndrom kann später ein schrittweiser Belastungsaufbau sinnvoll sein.

Eine wichtige Voraussetzung ist, dass gewöhnliche Alltagsaktivitäten gut vertragen werden und sich die Beschwerden unter dem Trainingsprogramm nicht verschlechtern.

Schmerzen sollten nicht grundsätzlich ignoriert werden. Gleichzeitig bedeutet eine leichte vorübergehende Beschwerde bei bestimmten rehabilitativen Belastungen nicht automatisch, dass ein zusätzlicher Gewebeschaden entsteht.

Entscheidend ist die individuelle Symptomreaktion, insbesondere während und nach der Belastung.



Die 5 besten Übungen bei Schienbeinkantensyndrom

Die folgenden Übungen können Bestandteil eines physiotherapeutischen Trainingsprogramms sein. Sie dienen insbesondere dazu, die Muskulatur und funktionelle Belastbarkeit der unteren Extremität zu verbessern.

Wichtig ist, dass es sich nicht um ein wissenschaftlich eindeutig bestätigtes Standardprogramm zur Heilung des Schienbeinkantensyndroms handelt.

Die Übungen sollten nur durchgeführt werden, wenn keine Hinweise auf eine behandlungsbedürftige knöcherne Stressverletzung bestehen und die Belastungen gut vertragen werden.


Übung 1: Wadenheben im Stand

Die Wadenmuskulatur spielt beim Laufen eine wichtige Rolle. Sie unterstützt die Kraftübertragung beim Abdruck und nimmt einen erheblichen Teil der mechanischen Belastung auf.

Stelle dich aufrecht hin und halte dich bei Bedarf an einer stabilen Oberfläche fest.

Hebe langsam beide Fersen vom Boden ab, sodass du auf den Zehenspitzen stehst. Anschliessend senkst du die Fersen kontrolliert wieder ab.

Beginne beispielsweise mit zwei Sätzen zu acht bis zwölf Wiederholungen.

Wenn die Übung gut vertragen wird, kann die Belastung später durch zusätzliche Gewichte oder einbeinige Varianten gesteigert werden.

Bei akuten Schienbeinschmerzen sollte die Intensität allerdings zunächst niedrig gewählt werden.


Übung 2: Wadenheben mit gebeugten Knien

Neben dem Musculus gastrocnemius spielt auch der tiefer gelegene Musculus soleus eine wichtige Rolle für die Belastbarkeit des Unterschenkels.

Setze dich auf einen stabilen Stuhl und stelle beide Füsse flach auf den Boden.

Hebe nun die Fersen langsam an, während die Vorfüsse auf der Unterlage bleiben.

Anschliessend senkst du die Fersen wieder ab.

Beginne mit ungefähr zehn bis fünfzehn Wiederholungen.

Wenn du die Übung sicher beherrschst, kannst du später einen angemessenen zusätzlichen Widerstand auf den Oberschenkeln verwenden.

Diese Variante trainiert besonders die Wadenmuskulatur bei gebeugtem Knie.


Übung 3: Fussheber kräftigen

Die Muskulatur an der Vorderseite des Unterschenkels unterstützt unter anderem das Anheben des Fusses.

Setze dich auf einen Stuhl und stelle die Fersen auf den Boden.

Hebe nun die Vorfüsse und Zehen langsam an, ohne gleichzeitig die Fersen anzuheben.

Senke die Füsse anschliessend kontrolliert wieder ab.

Beginne mit zehn bis fünfzehn Wiederholungen.

Später kann der Widerstand beispielsweise mit einem geeigneten Trainingsband erhöht werden.

Diese Übung kann die allgemeine Muskelkraft verbessern. Eine spezifische Heilwirkung bei MTSS ist jedoch nicht ausreichend belegt.


Übung 4: Einbeinstand

Das Gleichgewicht und die neuromuskuläre Kontrolle spielen bei sportlichen Bewegungen eine wichtige Rolle.

Stelle dich neben eine Wand oder eine stabile Oberfläche und verlagere dein Gewicht langsam auf ein Bein.

Versuche, die Position für etwa zwanzig bis dreissig Sekunden zu halten.

Wenn das gut gelingt, kannst du die Schwierigkeit schrittweise steigern.

Wichtig ist, dass du nicht versuchst, durch starke Schmerzen hindurch auf einem Bein stehen zu bleiben.

Bei ausgeprägten Beschwerden oder Verdacht auf eine knöcherne Stressverletzung sollte diese Übung zunächst nicht durchgeführt werden.


Übung 5: Kontrollierte Kniebeuge

Eine gute Belastbarkeit der Beinmuskulatur ist für zahlreiche sportliche Aktivitäten wichtig.

Stelle dich ungefähr hüftbreit hin und beuge langsam die Knie und Hüftgelenke, als würdest du dich auf einen Stuhl setzen.

Anschliessend richtest du dich kontrolliert wieder auf.

Beginne mit acht bis zwölf Wiederholungen.

Achte darauf, dass die Bewegung ruhig und kontrolliert erfolgt.

Mit zunehmender Kraft kann die Belastung später gesteigert werden.

Auch hier gilt: Die Kniebeuge soll die allgemeine Kraft verbessern und ist keine spezifisch nachgewiesene Therapie, die ein Schienbeinkantensyndrom allein beseitigen kann.



Helfen Dehnübungen bei Schienbeinschmerzen?

Viele Menschen versuchen, Schienbeinschmerzen durch intensives Dehnen der Wadenmuskulatur zu behandeln.

Tatsächlich können Dehnübungen dabei helfen, die Beweglichkeit zu verbessern. Sie sind jedoch nicht automatisch eine geeignete Behandlung gegen sämtliche Formen von Schienbeinschmerzen.

Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen muskulären Beschwerden und knöchernen Belastungsproblemen.

Wenn die Schmerzen hauptsächlich durch eine unzureichende Belastbarkeit des Schienbeins entstehen, lässt sich dieses Problem nicht einfach durch Dehnen lösen.

Auch kräftiges Massieren entlang einer empfindlichen Schienbeinkante ist keine nachgewiesene Methode, um eine knöcherne Überlastungsreaktion zu beseitigen.

Aus meiner Sicht sollte die Belastungssteuerung deshalb deutlich stärker im Vordergrund stehen als die Suche nach einer einzelnen Dehnübung.



Helfen Faszienrollen gegen Shin Splints?

Faszienrollen werden häufig eingesetzt, um muskuläre Spannungsgefühle zu reduzieren.

Manche Menschen empfinden die Anwendung als angenehm. Allerdings gibt es keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege dafür, dass eine Faszienrolle ein Schienbeinkantensyndrom zuverlässig heilt.

Besonders direkte, intensive Druckbelastungen entlang der schmerzhaften Schienbeinkante können unangenehm sein.

Deshalb sollten empfindliche Knochenregionen nicht wiederholt mit starkem Druck bearbeitet werden.

Wenn eine sanfte Behandlung der Wadenmuskulatur subjektiv zur Entspannung beiträgt, kann sie gegebenenfalls ergänzend eingesetzt werden.

Die entscheidende Massnahme bleibt jedoch, die mechanische Belastung angemessen zu steuern.



Wie lange dauert ein Schienbeinkantensyndrom?

Die Dauer der Beschwerden hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Dazu gehören die bisherige Symptomdauer, die Trainingsbelastung, die individuelle Belastbarkeit und die Frage, ob tatsächlich ein Schienbeinkantensyndrom oder eine andere Erkrankung vorliegt.

Bei manchen Menschen bessern sich die Beschwerden innerhalb einiger Wochen, wenn die Belastung frühzeitig angepasst wird.

Andere benötigen mehrere Monate, bis sie wieder vollständig und beschwerdearm trainieren können.

Eine feste Heilungsdauer lässt sich deshalb nicht zuverlässig angeben.

Besonders wichtig ist, dass die Beschwerden nicht bei jeder Belastungssteigerung erneut deutlich zunehmen.

Ein zu schneller Wiedereinstieg ins ursprüngliche Trainingsprogramm kann dazu führen, dass die Symptome wieder auftreten.



Wann darf man nach Schienbeinschmerzen wieder joggen?

Der Wiedereinstieg sollte schrittweise erfolgen.

Zunächst ist wichtig, dass gewöhnliches Gehen und andere alltägliche Belastungen gut vertragen werden.

Bei Verdacht auf eine knöcherne Stressverletzung müssen vor einer Wiederaufnahme des Lauftrainings zusätzlich spezifische medizinische Kriterien berücksichtigt werden.

Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 empfiehlt nach tibialen Knochenstressverletzungen unter anderem, die Schmerzfreiheit beim Gehen, die lokale Knochenempfindlichkeit und die funktionelle Belastbarkeit zu beurteilen.

Für den Wiedereinstieg kann ein Wechsel zwischen kurzen Lauf- und Gehintervallen sinnvoll sein.

Beispielsweise kann zunächst eine kurze Laufphase mit einer längeren Gehphase kombiniert werden.

Die genaue Dauer hängt jedoch vom individuellen Gesundheitszustand und der vorausgegangenen Verletzung ab.

Anschliessend sollte zunächst die Laufdauer gesteigert werden, bevor Geschwindigkeit und Intensität deutlich erhöht werden.

Eine starre Regel, wonach das Laufpensum grundsätzlich jede Woche um zehn Prozent gesteigert werden darf, ist wissenschaftlich nicht für sämtliche Läufer geeignet.

Wichtiger ist eine individuelle Anpassung anhand der Belastbarkeit und der Reaktion auf das Training.



Können Schienbeinschmerzen durch Nährstoffmangel entstehen?

Die Ernährung kann bei bestimmten Überlastungsverletzungen eine wichtige Rolle spielen.

Besonders bei knöchernen Stressverletzungen sollten Faktoren wie eine unzureichende Energiezufuhr, ein niedriger Vitamin-D-Status und andere mögliche Einflussgrössen auf die Knochengesundheit berücksichtigt werden.

Bei Sportlern kann eine langfristig zu geringe Energieverfügbarkeit das Risiko für gesundheitliche Probleme erhöhen.

In diesem Zusammenhang wird häufig von RED-S gesprochen, dem Relative Energy Deficiency in Sport Syndrome.

Dabei handelt es sich um ein komplexes Beschwerdebild, bei dem die verfügbare Energie nicht ausreicht, um sämtliche physiologischen Funktionen und sportlichen Belastungen angemessen zu unterstützen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Mensch mit Schienbeinschmerzen automatisch einen Nährstoffmangel besitzt.

Bei wiederkehrenden knöchernen Stressverletzungen oder entsprechenden Risikofaktoren kann eine ärztliche Untersuchung sinnvoll sein.



Wann sollte man mit Schienbeinschmerzen zum Arzt?

Eine medizinische Untersuchung ist besonders wichtig, wenn die Beschwerden trotz Belastungsreduktion bestehen bleiben oder deutlich zunehmen.

Auch sehr punktuelle Schmerzen am Schienbein, Beschwerden beim gewöhnlichen Gehen und Schmerzen in Ruhe sollten abgeklärt werden.

Bei einer plötzlich ausgeprägten Schwellung, starken Schmerzen oder neurologischen Symptomen wie Taubheit und Muskelschwäche ist eine rasche medizinische Beurteilung erforderlich.

Treten starke Unterschenkelschmerzen zusammen mit einem ausgeprägten Spannungsgefühl oder neurologischen Ausfällen auf, muss unter anderem ein akutes Kompartmentsyndrom ausgeschlossen werden. Dabei handelt es sich um einen medizinischen Notfall.

Wichtig ist deshalb, nicht sämtliche Beschwerden im Unterschenkel allein durch Trainingsfehler zu erklären.



Häufige Fragen zu Schienbeinschmerzen beim Joggen


Warum tut mein Schienbein beim Joggen weh?

Eine mögliche Ursache ist das Schienbeinkantensyndrom. Dabei entstehen belastungsabhängige Schmerzen entlang der inneren Schienbeinkante. Allerdings können auch knöcherne Stressverletzungen, Muskelprobleme und andere Erkrankungen ähnliche Beschwerden verursachen.


Sollte man bei Shin Splints pausieren?

Bei zunehmenden Schmerzen ist es sinnvoll, die auslösende Laufbelastung zunächst deutlich zu reduzieren oder vorübergehend zu unterbrechen. Ob andere sportliche Aktivitäten möglich sind, hängt von der individuellen Diagnose und Belastbarkeit ab.


Helfen neue Laufschuhe gegen Schienbeinschmerzen?

Andere Laufschuhe können in bestimmten Situationen die Beschwerden beeinflussen. Es gibt jedoch keinen einzelnen Laufschuh, der Schienbeinkantensyndrome zuverlässig verhindert oder behandelt.


Ist Wärme oder Kälte besser?

Kälte kann vorübergehend als angenehm empfunden werden. Wärme kann bei begleitenden muskulären Beschwerden ebenfalls subjektiv helfen. Keine der beiden Anwendungen beseitigt jedoch nachweislich die eigentliche Ursache einer knöchernen Überlastungsproblematik.


Können Schienbeinschmerzen chronisch werden?

Ja. Wenn belastende Aktivitäten trotz wiederkehrender Beschwerden unverändert fortgesetzt werden, können die Symptome über längere Zeit bestehen bleiben. Ein angepasster Belastungsaufbau ist deshalb wichtig.


Kann man mit Schienbeinkantensyndrom Fahrrad fahren?

Radfahren kann eine Alternative sein, wenn die Bewegung gut vertragen wird und keine Hinweise auf eine relevante knöcherne Stressverletzung bestehen. Bei ausgeprägten Beschwerden sollte die geeignete Belastung individuell abgeklärt werden.



Mein Fazit als Physiotherapeut

Schienbeinschmerzen beim Joggen entstehen häufig im Zusammenhang mit wiederholten mechanischen Belastungen. Besonders das Schienbeinkantensyndrom gehört zu den typischen Überlastungsbeschwerden bei Läufern.

Aus meiner Erfahrung als Physiotherapeut weiss ich, wie schnell sich die körperliche Belastung verändern kann, wenn Menschen motiviert mit einem neuen Trainingsprogramm beginnen. Häufig steigen Laufumfang oder Trainingshäufigkeit innerhalb kurzer Zeit erheblich an, während die Anpassung der Muskulatur, Sehnen und Knochen deutlich mehr Zeit benötigt.

Deshalb ist es wichtig, nicht ausschliesslich nach einer vermeintlichen Fehlstellung, dem perfekten Laufschuh oder einer einzelnen Wunderübung zu suchen.

Unser Körper ist grundsätzlich in der Lage, sich an wiederholte Belastungen anzupassen. Dafür benötigt er jedoch geeignete Trainingsreize, ausreichend Regeneration und eine schrittweise Steigerung.

Besonders wichtig ist ausserdem die Unterscheidung zwischen einem gewöhnlichen Schienbeinkantensyndrom und einer knöchernen Stressverletzung. Nicht jeder Schmerz entlang des Schienbeins ist harmlos, und nicht jede Belastung sollte trotz deutlicher Beschwerden fortgesetzt werden.

Mein Rat lautet deshalb: Nimm wiederkehrende Schienbeinschmerzen ernst, passe dein Training frühzeitig an und arbeite langfristig an deiner körperlichen Belastbarkeit. Wenn sich die Beschwerden trotz einer veränderten Belastung nicht bessern oder bereits gewöhnliches Gehen schmerzhaft ist, solltest du die Ursache medizinisch abklären lassen.



Wissenschaftliche Quellen

  1. George, E. R. M., Sheerin, K. R., & Reid, D. (2024). Criteria and guidelines for returning to running following a tibial bone stress injury: A scoping review. Sports Medicine, 54, 2247–2265. https://doi.org/10.1007/s40279-024-02051-y

  2. Winters, M., et al. (2018). Medial tibial stress syndrome can be diagnosed reliably using history and physical examination. British Journal of Sports Medicine, 52(19), 1267–1272. https://doi.org/10.1136/bjsports-2016-097037

  3. Newman, P., Witchalls, J., Waddington, G., & Adams, R. (2013). Risk factors associated with medial tibial stress syndrome in runners: A systematic review and meta-analysis. Open Access Journal of Sports Medicine, 4, 229–241. https://doi.org/10.2147/OAJSM.S39331

  4. Moen, M. H., et al. (2009). Medial tibial stress syndrome: A critical review. Sports Medicine, 39(7), 523–546. https://doi.org/10.2165/00007256-200939070-00002

  5. Mountjoy, M., et al. (2023). 2023 International Olympic Committee's (IOC) consensus statement on Relative Energy Deficiency in Sport (REDs). British Journal of Sports Medicine, 57, 1073–1097. https://doi.org/10.1136/bjsports-2023-106994

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzt keine individuelle medizinische Untersuchung oder Behandlung. Bei Verdacht auf eine knöcherne Stressverletzung sollten Lauftraining und belastende Übungen bis zur fachlichen Abklärung entsprechend angepasst werden.


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