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Sesamoiditis am Fuss: Schmerzen unter der Grosszehe richtig diagnostizieren und behandeln

Autorenbild: Roman Welzk | Gründer mein-physio.info
Roman Welzk | Gründer mein-physio.info
vor 4 Stunden
6 Min. Lesezeit

Wenn das Abrollen über den grossen Zeh schmerzt, liegt die Ursache nicht immer im Grosszehengrundgelenk selbst. Unter dem ersten Mittelfussköpfchen befinden sich zwei kleine Sesambeine, die bei jedem Schritt hohe Kräfte aufnehmen. Schmerzen in dieser Region werden häufig als Sesamoiditis bezeichnet. Der Begriff ist jedoch ungenau: Eine Sehnen- oder Gelenkreizung, eine Knochenstressverletzung oder sogar eine Sesambeinfraktur können ähnlich aussehen.


Die aktuelle Sportmedizin diskutiert deshalb ausdrücklich, ob der Begriff Sesamoiditis manchmal eine Knochenstressverletzung des Sesambeins verdeckt. Das ist klinisch wichtig: Während bei einer unkomplizierten Reizung ein dosierter Aufbau möglich sein kann, braucht eine Stressfraktur zunächst konsequenten Schutz. Dieser Artikel zeigt, welche Befunde entscheidend sind und wie eine sichere Rückkehr zum Sport aussehen kann.


Sesamoiditis am Fuss: Schmerzen unter der Grosszehe richtig diagnostizieren und behandeln

Was sind Sesambeine?


Die beiden Sesambeine liegen unter dem Grosszehengrundgelenk und sind in den Sehnen des kurzen Grosszehenbeugers eingebettet. Sie wirken als kleine Umlenk- und Druckverteilungsstrukturen und verbessern den Hebel der beteiligten Muskulatur. Beim Abrollen, Sprinten, Springen und beim Zehenstand wirken hohe Kräfte auf diese Region.


Das innere und das äussere Sesambein können unterschiedlich belastet werden. Manchmal besteht ein Sesambein aus zwei angeboren getrennten Anteilen. Ein solches bipartites Sesambein ist nicht automatisch gebrochen oder krankhaft. Es kann aber die Interpretation von Röntgenbildern erschweren.


Was bedeutet Sesamoiditis genau?


In vielen Texten wird Sesamoiditis als Entzündung bezeichnet. In der Praxis ist damit meist ein belastungsabhängiger Schmerz der sesamoidalen Region gemeint. Die eigentliche Ursache kann im Knochen, in Gelenkflächen, Sehnen oder angrenzendem Gewebe liegen. Ein Editorial im *British Journal of Sports Medicine* aus 2026 betont, dass eine konsequentere Suche nach Knochenstressverletzungen sinnvoll sein kann, statt alle Befunde unter einem unspezifischen Begriff zusammenzufassen.


Welche Beschwerden sind typisch?


Der Schmerz sitzt meist direkt unter dem ersten Mittelfussköpfchen auf der Fusssohle, knapp hinter der Grosszehe. Häufig ist das Abdrücken am Ende eines Schrittes unangenehm. Laufen, Springen, Barfussgehen auf hartem Boden oder Schuhe mit dünner Sohle können Beschwerden verstärken. Gelegentlich sind die Region druckempfindlich und die Bewegung der Grosszehe eingeschränkt.


Eine langsam zunehmende belastungsabhängige Schmerzhaftigkeit kann zu einer Überlastung passen. Ein plötzlicher, scharfer Schmerz nach Landung oder starker Überstreckung muss dagegen auch an eine akute Fraktur oder Kapsel-Band-Verletzung denken lassen.


Sesamoiditis oder Hallux rigidus?


Der Hallux rigidus ist eine Arthrose des Grosszehengrundgelenks. Schmerzen treten dabei häufig im Gelenk und an knöchernen Anbauten auf der Oberseite auf, oft zusammen mit eingeschränkter Beweglichkeit. Eine sesamoidale Problematik betrifft typischerweise die druckbelastete Unterseite. Beide können aber gleichzeitig auftreten.


Warum können die kleinen Knochen überlasten?


Hohe wiederholte Vorfusslast, eine deutliche Steigerung der Lauf- oder Sprungbelastung und ungünstige Druckverteilung können beitragen. Auch bestimmte Fussformen und Sportarten führen zu höheren lokalen Kräften. Ein einzelner Risikofaktor bedeutet allerdings nicht, dass er bei jeder Person die Ursache darstellt.


Wichtig sind sowohl äussere Belastungen als auch mögliche Faktoren der Knochenbelastbarkeit. Bei Verdacht auf Knochenstressverletzung müssen ärztlich gegebenenfalls Energiemangel, Ernährungsdefizite, endokrine Probleme und vorausgegangene Stressfrakturen berücksichtigt werden. Dauernde Schmerzen sollten nicht durch noch härteres Training ignoriert werden.


Wann ist eine medizinische Untersuchung notwendig?


Eine zeitnahe Untersuchung ist wichtig, wenn du nach einem Unfall nicht richtig auftreten kannst, eine deutliche Schwellung besteht oder die Schmerzen rasch zunehmen. Auch starke Schmerzen in Ruhe, ein lokaler Knochen-Druckschmerz oder Beschwerden trotz mehrwöchiger sinnvoller Entlastung sprechen für eine genauere Abklärung.


Bei Fieber, Rötung, offenen Wunden oder ausgeprägter Gelenküberwärmung kommen weitere Ursachen infrage, die nicht als einfache Sesamoiditis behandelt werden dürfen. Menschen mit Diabetes oder Gefühlsstörungen benötigen bei Druckstellen besondere Sorgfalt.


Diagnose: Röntgen, MRT und mögliche Stressfraktur


Die Untersuchung erfasst den Schmerzort, die Belastungsentwicklung, Sport- und Schuhgewohnheiten sowie die Beweglichkeit des Grosszehengrundgelenks. Druckschmerzen über einem Sesambein sind ein Hinweis, aber kein abschliessender Test.


Röntgenaufnahmen in geeigneten Ebenen können Frakturen, bipartite Sesambeine oder Arthrosezeichen zeigen. Ein normales frühes Röntgenbild schliesst eine Knochenstressverletzung nicht sicher aus. Bei begründetem Verdacht kann das MRT Knochenmarködeme, Stressreaktionen und benachbarte Weichteilprobleme besser einordnen. Bei speziellen knöchernen Fragen kann ergänzend CT sinnvoll sein.


Warum ist eine Knochenstressverletzung besonders wichtig?


Sesambeine sind klein und hohen Kräften ausgesetzt. Eine fortgesetzte Belastung trotz relevanter Knochenstressverletzung kann eine komplizierte Heilung begünstigen. Eine Übersichtsarbeit zu Fussstressfrakturen ordnet halluzinale Sesambeine deshalb den Bereichen zu, die bei bestimmten Verletzungen besonders vorsichtige Belastungssteuerung benötigen.


Anatomie der Sesambeine im Röntgenbild


Sesamoiditis – medizinische Röntgenabbildung mit Bildnachweis

Das Röntgenbild veranschaulicht Sesambeine unter dem ersten Mittelfussköpfchen; es ersetzt keine individuelle Befundinterpretation. Bildnachweis: Alison Cassidy, „Sesamoidbone.png“, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0; unverändert eingebunden.



Konservative Behandlung: Druck entlasten, Ursache klären


Der erste Schritt besteht häufig darin, schmerzhafte Druck- und Zugbelastungen zu reduzieren. Je nach Verdachtsdiagnose kann dies eine sportliche Pause, steiferes Schuhwerk, individuell passende Polster oder eine entlastende Orthese bedeuten. Bei gesicherter Knochenstressverletzung können weitergehende Massnahmen wie ein Walker oder zeitweise eingeschränkte Belastung notwendig werden.


Eine systematische Übersicht aus 2025 zu konservativen Sesamoiditis-Therapien fand unterschiedliche Massnahmen und eine überwiegend schwache Studienbasis aus Fallserien und kleinen Berichten. Deshalb lässt sich kein einziges Verfahren als für alle zuverlässig wirksam bezeichnen. Die Behandlung orientiert sich am festgestellten Gewebeschaden und an der Reaktion im Alltag.


Was bringen Schuhänderungen und Einlagen?


Eine geeignet steife Schuhsohle, eine Abrollhilfe oder individuell platzierte Druckentlastung kann die mechanischen Anforderungen an das Sesambein reduzieren. Eine Einlage sollte nicht versehentlich direkt auf die empfindliche Stelle drücken. Manchmal ist eine Anpassung des Sportschuhs bereits eine grosse Hilfe.


Ein Delphi-Verfahren unter Fussspezialistinnen und -spezialisten veröffentlichte 2024 Empfehlungen zu Anamnese, Schuhen, Polsterung und geeigneter Überweisung. Dabei handelt es sich um Expertenkonsens und nicht um einen Beweis, dass eine bestimmte Einlage bei allen Menschen besser wirkt.


Helfen Spritzen oder Medikamente?


Schmerzmittel oder ärztlich erwogene Injektionen müssen im Hinblick auf die konkrete Diagnose und mögliche Risiken beurteilt werden. Bei nicht ausgeschlossener Fraktur sind Injektionen keine einfache Standardlösung. Eine Operation kommt nur für ausgewählte langwierige oder komplizierte Befunde infrage und kann die Belastung des Grosszehengrundgelenks dauerhaft verändern.


Physiotherapie: Belastbarkeit statt Schmerzprovokation


Physiotherapie hat die Aufgabe, nach der Abklärung eine sinnvolle Rückkehr zur Bewegung zu begleiten. Dazu gehören Gangbild, Waden- und Fussmuskulatur, Belastungssteuerung und ein realistischer Sportaufbau. Die Übungen müssen allerdings auf die Gewebeheilung abgestimmt sein. Bei Verdacht auf Sesambeinfraktur darf kein kräftiges Zehenstand- oder Sprungtraining begonnen werden.


Stufe 1: Alltagsbelastung kontrollieren


Zunächst soll normales Gehen im empfohlenen Schuhwerk mit möglichst geringer Schmerzreaktion möglich sein. Steht der Knochen unter Verdacht, kann eine ärztliche Entlastungsanweisung wichtiger sein als jedes Muskeltraining.


Stufe 2: Beweglichkeit ohne hohe Vorfusslast


Sanfte aktive Grosszehenbewegungen im Sitzen können nach Freigabe helfen, Steifigkeit zu begrenzen. Das Gelenk wird nicht gewaltsam nach oben gedrückt. Bei akuter Fraktur gelten spezielle Schutzvorgaben.


Stufe 3: Fussmuskeln leicht ansteuern


Das vorsichtige Anheben des Fussgewölbes im Sitzen oder Stehen kann helfen, die lokale Kontrolle zu verbessern. Übungen sollten keinen deutlichen Druckschmerz am Sesambein auslösen. Kleine, gut tolerierte Reize sind sinnvoller als schmerzhafte Serien.


Stufe 4: Wadenkraft erst später aufbauen


Beidbeinige Wadenhebungen erhöhen die Belastung des Grosszehengrundgelenks. Sie sind deshalb erst angebracht, wenn die heilende Struktur ausreichend belastbar ist. Beginne mit kleiner Bewegung und kontrolliere die Reaktion am Folgetag.


Stufe 5: Lauf- und Sprungbelastung stufenweise


Sprints, Hüpfen und Richtungswechsel verlangen sehr viel vom Vorfuss. Sie gehören ans Ende des Wiederaufbaus. Eine pauschale Anzahl an Wochen ist ohne Diagnose, Heilungsverlauf und funktionelle Untersuchung nicht seriös.


Häufige Fehler bei sesamoidalen Beschwerden


Wer durch Schmerzen hindurch immer wieder Zehenstände testet, provoziert möglicherweise dieselbe Struktur, die geschont werden sollte. Ebenso kann aggressives Massieren unter dem Grosszehenballen eine empfindliche Region reizen. Ein weiterer Fehler besteht darin, eine lange anhaltende vermeintliche „Entzündung“ zu behandeln, ohne eine Stressfraktur auszuschliessen.


Nicht alle Vorfussschmerzen stammen von den Sesambeinen. Eine Plantarplattenverletzung betrifft oft den zweiten Zeh. Ein Morton-Neurom kann brennende oder elektrisierende Beschwerden zwischen den Zehen verursachen. Die genaue Lokalisation ist daher entscheidend.



Video: Mein Physio und unser evidenzbasierter Ansatz



Das eingebettete Video ist ein von dir bereits vorgegebenes Video aus dem Mein-Physio-Kanal. Es beschreibt die allgemeine Arbeit und ist keine spezielle Übungsanleitung für eine Knochenstressverletzung der Sesambeine.


Häufige Fragen


Ist Sesamoiditis immer eine Entzündung?


Nein. Der Begriff wird häufig unspezifisch verwendet. Knochenstressverletzungen und andere Veränderungen am Grosszehengrundgelenk müssen gegebenenfalls gesondert untersucht werden.


Kann ich bei Sesamoiditis joggen?


Bei starkem belastungsabhängigem Schmerz oder möglicher Stressfraktur sollte Laufen bis zur Abklärung pausiert werden. Die Rückkehr hängt vom tatsächlichen Befund ab.


Sieht man eine Sesambeinfraktur im Röntgenbild?


Manchmal, aber frühe Knochenstressreaktionen können unauffällig bleiben. Bei anhaltendem Verdacht kann ein MRT entscheidend sein.


Ist ein bipartites Sesambein eine Fraktur?


Nicht zwangsläufig. Eine mehrteilige Anlage kann eine normale Variante sein. Die radiologische Unterscheidung bezieht Verlauf, Kantenform, Schmerzort und gegebenenfalls ältere Aufnahmen ein.


Kann der Schmerz vom Hallux rigidus kommen?


Ja. Die Grosszehengrundgelenksarthrose verursacht andere typische Befunde, kann jedoch neben sesamoidalen Problemen bestehen.


Woran erkenne ich den Unterschied zu einem Mittelfussbruch?


Eine Jones-Fraktur liegt am fünften Mittelfussknochen aussen und damit an einer anderen Stelle. Auch eine Stressfraktur im Mittelfuss betrifft andere Knochenregionen.


Fazit


Schmerzen unter dem Grosszehenballen sollten nicht vorschnell als harmlose Sesamoiditis abgetan werden. Entscheidend ist, die konkrete Ursache zu identifizieren und bei Verdacht auf Knochenstressverletzung rechtzeitig zu entlasten. Schuhe, Einlagen und stufenweise Physiotherapie können helfen, aber nicht jede Läsion wird gleich behandelt. Die aktuelle Forschung empfiehlt deshalb eine präzisere diagnostische Einordnung.


Wissenschaftliche Quellen


• Biz, C., et al. (2025). Conservative Treatment of Sesamoiditis: A Systematic Literature Review with Individual-Level Pooled Data Analysis. *Medicina*. — Systematische Übersicht zu nichtoperativen Verfahren mit insgesamt begrenzter und heterogener Evidenz.




• Stress fractures of the foot: Current evidence on management. (2024). — Klinische Übersicht zu Fussstressfrakturen und besonders kritisch belasteten Sesambeinen.


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