Achillessehnenriss: Symptome, Operation oder konservative Behandlung und Rehabilitation

Ein plötzliches Knallen in der Wade, das Gefühl, jemand habe von hinten gegen das Bein getreten, und anschliessend Schwierigkeiten beim Abdrücken: Das sind klassische Hinweise auf einen Achillessehnenriss. Medizinisch wird die Verletzung auch Achillessehnenruptur genannt. Sie kommt häufig bei Sportarten mit schnellen Antritten, Sprüngen und Richtungswechseln vor. Sie kann aber auch bei einer scheinbar alltäglichen Bewegung entstehen.
Ein Riss ist etwas grundsätzlich anderes als die schleichend entstehende Achillessehnen-Tendinopathie. Während bei einer Tendinopathie dosiertes Sehnentraining oft ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung ist, benötigt eine frische Ruptur eine umgehende medizinische Untersuchung, einen Schutz der Sehnenenden und eine bewusste Entscheidung zwischen operativer und nichtoperativer Therapie.
Dieser Artikel erklärt die Untersuchung, die wissenschaftliche Studienlage und den schrittweisen funktionellen Wiederaufbau. Ein persönlicher Behandlungsplan lässt sich damit nicht ersetzen.

Was passiert bei einem Achillessehnenriss?
Die Achillessehne verbindet den Wadenmuskelkomplex aus Gastrocnemius und Soleus mit dem Fersenbein. Sie überträgt hohe Kräfte beim Gehen, Laufen, Springen und beim Abdrücken über den Vorfuss. Bei einer vollständigen Ruptur wird diese Kontinuität unterbrochen. Die Kraftübertragung ist dann deutlich gestört.
Viele Rupturen entstehen einige Zentimeter oberhalb des Fersenbeins. Allerdings unterscheiden sich Lage, Rissform, Gewebequalität und Abstand der Sehnenenden erheblich. Genau diese Unterschiede beeinflussen, welche Behandlung sinnvoll ist.
Vollständiger Riss oder Teilriss?
Bei einem vollständigen Riss ist die Sehne über ihren Querschnitt getrennt. Bei einem Teilriss bleiben Gewebeanteile verbunden. Beide können Schmerzen und Funktionsprobleme auslösen. Die Diagnose wird aus Unfallmechanismus, klinischer Untersuchung und gegebenenfalls Bildgebung gestellt. Wie stark jemand noch gehen kann, reicht nicht aus, um die Schwere zu bestimmen.
Typische Symptome einer Achillessehnenruptur
Betroffene berichten häufig über einen schlagartigen Schmerz hinter dem Sprunggelenk oder in der Wade. Ein Knall kann hörbar oder nur spürbar sein. Danach fällt der Zehenstand auf einem Bein oft schwer oder gelingt gar nicht. Beim Gehen fehlt möglicherweise der normale kräftige Abdruck. Schwellung und Bluterguss können erst später deutlich werden.
Wichtig ist eine häufige Fehleinschätzung: Manche Menschen können trotz vollständiger Ruptur noch einzelne Schritte gehen oder den Fuss etwas nach unten bewegen. Andere Muskeln können diese Bewegung teilweise übernehmen. Ein erhaltenes Gehen schliesst einen Riss daher nicht aus.
Wie funktioniert der Thompson-Test?
Beim Thompson-Test wird in geeigneter Untersuchungsposition der Wadenmuskel zusammengedrückt und beobachtet, ob sich der Fuss erwartungsgemäss bewegt. Eine ausbleibende Reaktion kann einen Riss nahelegen. Der Test ist Teil einer klinischen Gesamtuntersuchung. Versuche nicht, damit allein einen frischen Riss auszuschliessen; eine unsachgemässe Durchführung oder ein Teilriss kann die Einschätzung erschweren.
Wann ist eine sofortige Untersuchung nötig?
Bei einem plötzlichen Knall, neu aufgetretener deutlicher Abdrückschwäche, einer tastbaren Lücke oder ausgeprägter Schwellung nach einer Verletzung solltest du das Bein schützen und noch am selben Tag medizinisch untersuchen lassen. Ein entsprechender Verdacht sollte nicht erst über Wochen mit Wadenübungen behandelt werden.
Notfallzeichen sind zusätzlich eine kalte oder blasse Extremität, eine offene Verletzung, starke neurologische Ausfälle oder schwere Schmerzen nach erheblichem Unfall. Später können neu auftretende Wadenschwellung, Atemnot oder Brustschmerz Hinweise auf eine Thrombose beziehungsweise Lungenembolie sein und erfordern dringliche Abklärung.
Wie wird die Ruptur diagnostiziert?
Die Untersuchung erfasst den Mechanismus, die Druckempfindlichkeit entlang der Sehne, mögliche Gewebelücken sowie aktive und passive Funktion. Häufig kann eine erfahrene Fachperson bereits klinisch einen starken Verdacht stellen.
Ein Ultraschall kann die Sehnenkontinuität, die Lage der Rissstelle und in bestimmten Fragestellungen den Kontakt der Enden unter definierter Fussstellung darstellen. Ein MRT ist nicht automatisch erforderlich; es kann bei unklaren Befunden oder einer speziellen Operationsplanung hilfreich sein. Die Bildgebung ersetzt nicht die Frage nach den persönlichen Behandlungszielen.
Welche Rolle spielt die Verletzungszeit?
Frühe Diagnostik ist wichtig, weil sich Behandlungsmöglichkeiten und Bedingungen der Sehnenheilung mit zunehmendem Abstand zur Verletzung verändern können. Je länger eine komplette Ruptur unerkannt bleibt, desto schwieriger kann eine einfache Versorgung werden. Auch bei verspätetem Vorstellen gibt es Behandlungsmöglichkeiten, die jedoch individuell geplant werden müssen.
Operation oder konservative Therapie: Was zeigen die besten Studien?
Die entscheidende Frage lautet nicht einfach, ob „Operieren besser“ ist, sondern welche Ergebnisse für eine Person mit ihren Risiken, ihrem Aktivitätsniveau und ihrem Zugang zu einer strukturierten Rehabilitation zu erwarten sind.
In einer multizentrischen randomisierten Studie von Myhrvold und Mitarbeitenden (2022) wurden 554 Erwachsene einer nichtoperativen Behandlung, einer offenen Operation oder einem minimalinvasiven Verfahren zugelost. Nach zwölf Monaten ergab sich im primären patientenberichteten Ergebnis kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen. Allerdings traten erneute Rupturen in der nichtoperativen Gruppe bei 6,2 Prozent auf, gegenüber jeweils 0,6 Prozent in beiden Operationsgruppen. Nervenschäden waren in den operierten Gruppen häufiger, insbesondere nach minimalinvasiver Versorgung. Diese Werte gelten für die konkret untersuchte Patientengruppe und das dort verwendete Behandlungsprotokoll, nicht als universelle persönliche Prognose.
Eine systematische Übersicht von 2025 bestätigte den grundsätzlichen Zielkonflikt: Operative Verfahren senken in vielen Analysen das Risiko eines erneuten Risses, können aber mehr Komplikationen verursachen. Die American Orthopaedic Foot & Ankle Society hält in ihrer Stellungnahme von November 2024 beide Strategien bei geeigneter Patientenauswahl für vertretbar. Zentral ist die anschliessende funktionelle Rehabilitation.
Wann kann eine konservative Therapie sinnvoll sein?
Eine nichtoperative Behandlung kann bei ausgewählten frischen Rupturen erfolgreich sein, wenn die Diagnose früh gestellt wurde, Sehnenlage und Befund geeignet sind und eine verlässliche Orthesenversorgung sowie eng begleitete Rehabilitation möglich sind. Das Bein wird zunächst in einer schützenden Position gehalten, später werden Bewegung und Belastung nach einem festgelegten Protokoll gesteigert.
Der häufig verwendete Begriff „konservativ“ bedeutet also keineswegs einfach abwarten. Es handelt sich um ein aktives, regelmässig kontrolliertes Behandlungskonzept. Unkontrolliertes Dehnen und spontanes Gehen ohne die verordnete Orthese können gefährlich sein.
Wann wird eine Operation erwogen?
Die operative Reparatur kann bei bestimmten Rissformen, einer ungünstigen Stellung der Sehnenenden, individuellen sportlichen Anforderungen und weiteren Befunden erwogen werden. Die Operation schafft eine direkte Verbindung der Sehnenenden, ist aber mit den allgemeinen Risiken chirurgischer Eingriffe verbunden: Wundprobleme, Infektion, Narbenbeschwerden oder Nervenverletzungen.
Nicht jede sportlich aktive Person muss operiert werden. Die Entscheidung sollte nach nachvollziehbarer Aufklärung über Nutzen, Rückfallrisiko und mögliche Komplikationen gemeinsam mit dem Behandlungsteam erfolgen.
Warum die Rehabilitation so wichtig ist
Die Sehne benötigt ausreichend Schutz, um belastbares Gewebe auszubilden. Gleichzeitig können lange Immobilisierung und fehlende Muskelarbeit Kraft, Beweglichkeit und Kondition beeinträchtigen. Moderne Behandlungskonzepte versuchen deshalb, Schutz und kontrollierte Funktion aufeinander abzustimmen.
Eine frühfunktionelle Rehabilitation bedeutet nicht „sofort normal Sport machen“. In Studien wurden genau definierte Orthesenstellungen, Belastungsgrenzen und Fortschrittskriterien verwendet. Welche Positionen erlaubt sind, variiert zwischen operativen und nichtoperativen Protokollen.
Risiko der Sehnenverlängerung
Wenn die heilende Achillessehne zu früh oder zu stark in die Länge belastet wird, kann eine funktionell ungünstige Verlängerung entstehen. Dadurch kann der kräftige Fussabdruck längerfristig schwächer bleiben. Deshalb wird insbesondere starkes Hochziehen des Fusses in Richtung Schienbein in frühen Phasen häufig begrenzt. Die konkrete Grenze bestimmt das Behandlungsteam.
Sechs Phasen des funktionellen Wiederaufbaus
Die folgenden Abschnitte beschreiben Prinzipien, keine allgemeine Zeitvorgabe. Nach vollständiger Ruptur haben der ärztliche Behandlungsplan und die Orthesenvorgaben immer Vorrang.
Phase 1: Schutz und sicheres Gehen mit Orthese
Zu Beginn stehen Ruhigstellung beziehungsweise kontrollierte Positionierung, gegebenenfalls Gehstützen und die sichere Bewältigung notwendiger Wege im Vordergrund. Bewege nur die Gelenke und Strukturen, die ausdrücklich freigegeben sind. Ein aktiver Wadenkrafttest oder Dehnen der frisch verletzten Sehne gehört nicht in diese Phase.
Phase 2: Freigegebene Beweglichkeit aufbauen
Wenn das Behandlungsteam es erlaubt, wird der Fuss in einem begrenzten Bewegungsbereich bewegt. Zu grosse Dorsalextension kann die heilende Sehne verlängern; deshalb ist nicht die maximale Beweglichkeit, sondern kontrollierte Funktion das Ziel.
Phase 3: Gangbild und erste Muskelaktivierung
Mit wachsender Belastbarkeit wird das Gehen in der Orthese beziehungsweise später im Schuh normalisiert. Leichte kontrollierte Muskelaktivierung kann eingeführt werden. Fehlbelastungen und eine deutliche Zunahme von Schmerz oder Schwellung erfordern eine Anpassung.
Phase 4: Progressives Wadenkrafttraining
Später folgen beispielsweise beidbeinige Fersenhebungen und andere Übungen zur Kraft der Plantarflexoren. Die Intensität wächst entsprechend dem Heilungsverlauf. Einbeinige Fersenhebungen sind funktionell deutlich anspruchsvoller und werden nicht allein nach Kalender freigegeben.
Phase 5: Koordination und Laufvorbereitung
Gleichgewicht, Wadenkraft, Bewegungsqualität und Belastbarkeit werden systematisch überprüft. Erst nach ausreichender Freigabe kommen kurze Laufintervalle infrage. Wer noch stark hinkt oder keine ausreichende Wadenkraft besitzt, ist für schnellere Laufbelastung meist noch nicht bereit.
Phase 6: Sprünge und Rückkehr zum Sport
Sprinten, Springen und schnelle Richtungswechsel stehen am Ende. Hier zählen sportartspezifische Funktionstests, die Belastungsreaktion nach 24 Stunden und ein gemeinsamer Entscheid mit dem Behandlungsteam. Das frühere Sportniveau ist keine Garantie für eine vollständige und schnelle Rückkehr.
Häufige Fehler nach einem Achillessehnenriss
Der erste Fehler ist, eine frische Ruptur als gewöhnliche „Wadenverspannung“ zu interpretieren. Der zweite besteht darin, eine schmerzarme Phase als Erlaubnis für freie Belastung ohne Orthese zu verstehen. Ein dritter Fehler ist aggressives Dehnen, noch bevor die Sehne dazu ausreichend stabil ist.
Auch passive Massnahmen allein sind kein Ersatz für den späteren Kraftaufbau. Für eine uneingeschränkt wirksame PRP-Behandlung (plättchenreiches Plasma) bei akuter Ruptur gibt es nach der AOFAS-Stellungnahme keine überzeugende Evidenz. Die wichtigste langfristige Aufgabe bleibt der fachgerecht dosierte Wiederaufbau.
Unterschied zu anderen Problemen an Ferse und Sprunggelenk
Die Haglund-Ferse betrifft eher einen knöchernen Vorsprung beziehungsweise damit zusammenhängende Druckprobleme hinten an der Ferse. Bei einer Syndesmosenverletzung ist dagegen die Bandverbindung zwischen Schien- und Wadenbein betroffen. Eine Peronealsehnenverletzung liegt typischerweise seitlich am Knöchel. Auch eine Stressfraktur im Mittelfuss kann beim Sport belastungsabhängige Fussschmerzen verursachen, betrifft jedoch den Knochen statt der Achillessehne. Eine genaue Schmerzanamnese und Untersuchung helfen, solche Diagnosen auseinanderzuhalten.
Video: Der Ansatz von Mein Physio
Das Video stellt die Arbeitsweise von Mein Physio vor. Es ist keine Anleitung zur Selbstbehandlung einer frischen Sehnenruptur.
Häufige Fragen
Kann man mit gerissener Achillessehne noch gehen?
Ja, manchmal gelingt es trotz vollständiger Ruptur noch, einzelne Schritte zu machen. Das schliesst die Verletzung nicht aus und ist kein Grund, weiter zu trainieren.
Ist eine Operation immer besser?
Nein. Die grosse randomisierte Studie fand nach einem Jahr keinen signifikanten Unterschied im primären patientenberichteten Ergebnis. Die Operationsgruppen hatten jedoch weniger erneute Risse und mehr bestimmte Komplikationen. Die Entscheidung wird individuell getroffen.
Wie lange dauert die Rehabilitation?
Mehrere Monate sind üblich; die Rückkehr zu intensiven Sprüngen oder schnellen Sportarten kann deutlich länger dauern. Die genaue Dauer hängt vom Befund und vom funktionellen Fortschritt ab.
Kann die Sehne erneut reissen?
Ja. Das Risiko ist je nach Behandlung und Protokoll unterschiedlich und insbesondere während der frühen Heilung bedeutsam. Deshalb müssen Orthese und Belastungsvorgaben ernst genommen werden.
Soll ich nach der Heilung die Wade dehnen?
Beweglichkeit kann später wichtig werden, aber frühes intensives Dehnen ist häufig problematisch. Der geeignete Zeitpunkt richtet sich nach Heilung und fachlicher Freigabe.
Muss ich nach der Operation einen Blutverdünner nehmen?
Die Frage des Thromboserisikos und einer möglichen Prophylaxe wird individuell ärztlich entschieden. Immobilisierung, persönliche Risikofaktoren und das verwendete Behandlungsprotokoll spielen dabei eine Rolle.
Fazit
Ein Achillessehnenriss ist eine ernsthafte Verletzung, die rasch diagnostiziert werden sollte. Sowohl eine geeignete nichtoperative Versorgung als auch eine Operation können gute Ergebnisse erzielen. Die hochwertige Evidenz zeigt zugleich unterschiedliche Risiken für eine erneute Ruptur und mögliche Komplikationen. Langfristig ist eine strukturierte Rehabilitation entscheidend, bei der die Sehne zunächst geschützt und später schrittweise belastbar wird.
Wissenschaftliche Quellen
• American Orthopaedic Foot & Ankle Society. (2024). Position statement: The acute Achilles tendon rupture. https://www.aofas.org/docs/default-source/research-and-policy/position-statements/positionstatement_acuteachillesruptures_nov2024.pdf?sfvrsn=7c175c5a_3 — Fachgesellschaftliche Bewertung von Operation, konservativer Behandlung, Komplikationen und Frührehabilitation.
• Myhrvold, S. B., Brouwer, E. F., Andresen, T. K., et al. (2022). Nonoperative or surgical treatment of acute Achilles’ tendon rupture. New England Journal of Medicine, 386, 1409–1420. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2108447 — Grosse randomisierte Studie mit 554 zugeteilten Erwachsenen und direktem Vergleich dreier Behandlungswege.
• España Fernández de Valderrama, S., et al. (2025). Achilles tendon rupture treatment systematic review and meta-analysis. Foot & Ankle Orthopaedics. https://doi.org/10.1177/24730114251327219 — Neuere systematische Auswertung zu erneuten Rissen und Komplikationsrisiken.
• Ochen, Y., Beks, R. B., van Heijl, M., et al. (2019). Operative treatment versus nonoperative treatment of Achilles tendon ruptures: Systematic review and meta-analysis. BMJ, 364, k5120. https://doi.org/10.1136/bmj.k5120 — Umfangreiche Vergleichsauswertung, nützlich für die Einordnung verschiedener Studienprotokolle.
• Barfod, K. W., & Hölmich, P. (2022). Acute Achilles’ tendon rupture — Surgery or no surgery. New England Journal of Medicine, 386, 1465–1466. https://doi.org/10.1056/NEJMe2202696 — Klinischer Kommentar zu Rehabilitation und dem schwierigen Abwägen von Nutzen und Risiken.
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