Hüftarthrose (Coxarthrose): Symptome, Physiotherapie und sechs wirksame Übungen

Schmerzen tief in der Leiste, Schwierigkeiten beim Schuheanziehen und das Gefühl, dass die Hüfte nach längerem Sitzen erst wieder in Bewegung kommen muss: Diese Beschwerden können zu einer Hüftarthrose passen. Die medizinische Bezeichnung lautet Coxarthrose. Sie beschreibt Veränderungen des gesamten Hüftgelenks, nicht nur einen isolierten Knorpelverlust. Entscheidend ist, wie stark Beschwerden und Einschränkungen tatsächlich sind – nicht allein, was auf einem Röntgenbild zu erkennen ist.
Bei einer bestätigten Coxarthrose sind Bewegung und Training keineswegs grundsätzlich schädlich. Im Gegenteil: Die aktualisierte Physiotherapie-Leitlinie von 2025 empfiehlt ein individuell aufgebautes Übungsprogramm, das Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer berücksichtigt. Gleichzeitig muss die Behandlung zu den individuellen Symptomen und möglichen Begleiterkrankungen passen.

Was ist Hüftarthrose?
Das Hüftgelenk verbindet den Hüftkopf des Oberschenkelknochens mit der Hüftpfanne des Beckens. Seine Gelenkflächen sind mit Knorpel überzogen und werden von einer Gelenkkapsel umgeben. Bei einer Arthrose verändert sich über Jahre das Zusammenwirken von Knorpel, Knochen, Gelenkinnenhaut, Muskulatur und weiteren Geweben. Dabei können knöcherne Anbauten, Gelenkspaltveränderungen und eine verminderte Beweglichkeit entstehen.
Diese Vorgänge bedeuten nicht, dass das Gelenk auf jedem Schritt zwangsläufig stärker zerstört wird. Körperliche Funktion und Röntgenbefund sind nicht bei allen Menschen gleich ausgeprägt. Die Frage, wie gut du gehen, aufstehen und deinen Alltag gestalten kannst, ist für die Therapie mindestens ebenso wichtig wie das Bild.
Hüftarthrose oder Hüftimpingement?
Das Hüftimpingement (FAI) betrifft häufig eine besondere Form des mechanischen Kontakts zwischen Hüftkopf beziehungsweise Schenkelhals und Hüftpfanne. Es kann bei jüngeren sportlich aktiven Menschen Beschwerden machen. Coxarthrose ist dagegen eine Gelenkerkrankung, bei der degenerative Veränderungen eine zentrale Rolle spielen. Beide Befunde können zusammen auftreten, sollten aber nicht gleichgesetzt werden.
Wie fühlt sich Coxarthrose an?
Typisch sind Schmerzen in der Leiste oder im vorderen Oberschenkel. Manchmal wird der Schmerz bis zum Knie wahrgenommen. Viele Betroffene bemerken Einschränkungen beim tiefen Hinsetzen, bei der Innendrehung der Hüfte oder wenn sie Strümpfe anziehen wollen. Nach einer Ruhepause können sich die ersten Schritte steif anfühlen.
Längeres Gehen, Bergaufsteigen und wiederholtes Treppensteigen können die Beschwerden verstärken. Andere Menschen haben vor allem nächtliche Schmerzen, wobei solche Beschwerden nicht automatisch eine Arthrose beweisen.
Welche Symptome passen eher nicht zu einer einfachen Hüftarthrose?
Ein plötzlich sehr stark schmerzendes, überwärmtes Gelenk mit Fieber muss dringend auf eine Infektion untersucht werden. Nach einem Sturz mit fehlender Belastbarkeit muss eine Fraktur ausgeschlossen werden. Brennende, elektrische Beschwerden mit deutlicher Taubheit können eher auf eine Nervenbeteiligung hinweisen. Eine rasch zunehmende schwere Bewegungseinschränkung gehört ebenso ärztlich eingeordnet.
Warum entsteht Hüftarthrose?
Alter, erbliche Faktoren, anatomische Varianten, frühere Verletzungen und bestimmte Gelenkerkrankungen können das Risiko beeinflussen. Auch das Körpergewicht kann eine Rolle spielen. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Arthrose durch falsches Verhalten verursacht wurde.
Weder eine einzelne schlechte Sitzhaltung noch eine spezielle Sportart erklärt zuverlässig jeden Fall. Günstiger ist es, beeinflussbare Faktoren zu betrachten: Bewegungsverhalten, Muskelkraft, Schlaf, allgemeine Gesundheit und sinnvolle Belastungssteuerung.
Wie wird die Diagnose gestellt?
Ärztlich werden Schmerzort, typische Funktionseinschränkungen, frühere Verletzungen und Begleiterkrankungen erfragt. Es folgen Beweglichkeit, Gangbild und klinische Untersuchung. Bei typischer Symptomatik ist ein Röntgenbild oft ausreichend, um Veränderungen des Gelenkspalts und knöcherne Anbauten zu beurteilen. Ein MRT ist nicht in jedem Fall notwendig.
Wichtig: Das Röntgenbild ist nicht die gesamte Diagnose. Beschwerden können auch bei wenigen sichtbaren Veränderungen erheblich sein. Umgekehrt haben manche Menschen deutliche arthrotische Befunde ohne starke Schmerzen.

Bildnachweis: Röntgenaufnahme einer Hüftarthrose aus Ruiz Santiago et al. (2016), Originaldatei bei Wikimedia Commons, Creative Commons BY 4.0. Unverändert wiedergegeben; keine Bearbeitung des Originalbilds.
Abgrenzung zu anderen Ursachen von Hüftschmerzen
Schmerzen an der Hüftaussenseite deuten nicht automatisch auf Coxarthrose hin. Häufig kann eine gluteale Tendinopathie beteiligt sein. Eine schnappende Hüfte erzeugt meist andere mechanische Symptome. Nach starkem Training und bei ungewöhnlichen Leistenschmerzen gehört auch die Schenkelhals-Stressfraktur zur Differenzialdiagnose, die nicht einfach weitertrainiert werden darf.
Eine genaue Untersuchung verhindert, dass das falsche Krankheitsbild behandelt wird.
Was empfehlen die Leitlinien zur Behandlung?
Die 2025 aktualisierte Leitlinie der Academy of Orthopaedic Physical Therapy empfiehlt individualisierte Kräftigungs-, Beweglichkeits- und Ausdauerprogramme. Auch Gang- und Gleichgewichtstraining, passende Hilfsmittel und bei Beweglichkeitseinschränkungen manuelle Therapie können je nach Befund hilfreich sein. Die Empfehlung bedeutet nicht, dass jede Patientin oder jeder Patient exakt dieselben Übungen benötigt.
Die AAOS-Leitlinie von 2023 sowie die NICE-Empfehlungen betonen aktive Behandlung, Aufklärung und das Berücksichtigen von Begleiterkrankungen. Bei Übergewicht kann eine unterstützte Gewichtsreduktion helfen. Es geht dabei nicht um einen bestimmten Idealwert, sondern um gesundheitlich sinnvolle, erreichbare Veränderungen.
Welche Rolle spielt Physiotherapie?
Physiotherapie kann die Bewegung schmerzangepasst aufbauen, Kraftdefizite beurteilen, Unsicherheit beim Gehen reduzieren und ein langfristig durchführbares Trainingsprogramm entwickeln. Sinnvoll ist die regelmässige Überprüfung, ob konkrete Alltagsziele besser werden: etwa die Gehstrecke, das Aufstehen aus einem Stuhl oder das sichere Treppensteigen.
Manuelle Mobilisation kann bei einigen Betroffenen Schmerzen und Bewegungseinschränkungen vorübergehend verbessern. Alleinige passive Therapie ersetzt aber kein belastbares Trainingskonzept. Das betont auch die NICE-Leitlinie.
Helfen Medikamente oder Injektionen?
Nichtsteroidale Antirheumatika können Symptome lindern, sind aber wegen möglicher Nebenwirkungen für Magen, Niere, Herz-Kreislauf-System und Wechselwirkungen nicht für alle Menschen geeignet. Besprich deshalb Präparate und Dauer mit der behandelnden Fachperson. Kortikosteroid-Injektionen können zeitweise Schmerzen reduzieren, sind aber kein dauerhafter Knorpelaufbau. Hyaluronsäure-Injektionen werden von der AAOS-Leitlinie für Hüftarthrose nicht empfohlen, weil ein relevanter Nutzen nicht ausreichend belegt ist.
Sechs Übungen bei bestätigter Hüftarthrose
Die folgenden Beispiele sind ein möglicher Einstieg für Menschen mit medizinisch eingeordneten, stabilen Beschwerden. Bei akutem Trauma, Fieber, ausgeprägtem Ruheschmerz oder fehlender Belastbarkeit nicht trainieren, sondern untersuchen lassen. Die Übungsauswahl wird an die Reaktion am Folgetag angepasst.
1. Aufstehen vom Stuhl
Setze dich auf einen stabilen Stuhl, stelle beide Füsse auf und stehe langsam auf. Setze dich ebenso kontrolliert zurück. Beginne beispielsweise mit fünf bis acht Wiederholungen. Eine höhere Sitzfläche kann die Hüfte entlasten. Mit zunehmender Kraft kann die Schwierigkeit schrittweise gesteigert werden.
2. Hüftabduktion im Stand
Halte dich an einer stabilen Fläche fest und bewege ein Bein einige Zentimeter zur Seite. Der Oberkörper bleibt möglichst ruhig. Beginne mit acht kontrollierten Wiederholungen je Seite. Ziel ist das Training der seitlichen Hüftmuskulatur, nicht maximale Bewegungshöhe.
3. Beckenheben in Rückenlage
Stelle die Beine in Rückenlage auf und hebe das Becken langsam an. Halte kurz und senke kontrolliert. Bei Leistenschmerz verkleinere den Bewegungsumfang oder lasse die Übung zunächst weg.
4. Sanfte Hüftbeweglichkeit
Im Sitzen kannst du ein Bein langsam etwas nach aussen und wieder zurück bewegen, ohne die Hüfte in eine schmerzhafte Endstellung zu drücken. Wiederhole die Bewegung mehrmals in einem angenehmen Bereich. Ein starkes Ziehen ist nicht erforderlich.
5. Kleine Stufe steigen
Wenn normales Gehen gut gelingt, kannst du auf einer niedrigen Stufe das kontrollierte Hinauf- und Hinuntergehen üben. Nutze ein Geländer. Bei Unsicherheit ist die Stufe zunächst zu hoch oder die Übung noch nicht passend.
6. Ausdauer im Alltag aufbauen
Beginne mit Gehstrecken oder lockerem Radfahren, die gut verträglich sind. Auch Wassergymnastik kann manchen Menschen helfen. Steigere zunächst die Regelmässigkeit und danach die Dauer. Bewegung darf etwas anstrengend sein, muss aber nicht zu stark anhaltenden Schmerzen führen.
Wie oft sollte man trainieren?
Die 2025er Physiotherapie-Leitlinie beschreibt individualisierte Programme über mehrere Wochen, häufig mit regelmässigen Einheiten für Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit. Sie nennt bewusst keinen einzigen für alle Menschen idealen Trainingsplan. Entscheidend sind Ausgangsniveau, Verträglichkeit und konsequente Anpassung. Ein gut durchführbarer Plan ist langfristig wirksamer als eine kurzfristige Überforderung.
Welche Hilfsmittel können helfen?
Wenn die Hüfte beim Gehen deutlich schmerzt, kann ein korrekt eingestellter Gehstock auf der gegenüberliegenden Seite die Belastung reduzieren. Auch Schuhe, Gehhilfen oder eine zeitweise Anpassung der Gehstrecke können sinnvoll sein. Hilfsmittel sind kein Zeichen persönlicher Schwäche, sondern Werkzeuge, die Aktivität ermöglichen sollen.
Wann ist eine Hüftprothese sinnvoll?
Wenn Schmerzen und Funktion trotz angemessener nichtoperativer Behandlung erheblich eingeschränkt bleiben, ist eine orthopädische Beratung über einen Gelenkersatz sinnvoll. Entscheidend sind der individuelle Leidensdruck, Befunde, Lebensumstände und Erwartungen. Ein bestimmter Arthrosegrad auf dem Röntgenbild allein erzwingt keine Operation.
Nach einer Prothesenoperation ist Rehabilitation weiterhin wichtig. Eine gute präoperative Fitness und ein realistisches Verständnis des Heilungsverlaufs können hilfreich sein. Die Auswahl des Implantats und des Operationsverfahrens gehört in die fachärztliche Besprechung.
Video: Mein Physio – Bewegung und Rehabilitation
Das eingebettete Video stammt aus dem bisherigen Mein-Physio-Kanalbestand und ergänzt die Informationen. Es ist keine individuelle Übungsanleitung für jede Form der Hüftarthrose.
Häufige Fragen
Muss Hüftarthrose immer operiert werden?
Nein. Viele Menschen können mit Bewegung, Physiotherapie, passenden Hilfsmitteln und gegebenenfalls Medikamenten ihre Beschwerden gut behandeln. Eine Operation wird bei anhaltender erheblicher Einschränkung erwogen.
Ist Spazierengehen schlecht für das Hüftgelenk?
Gewöhnlich nicht. Die passende Gehstrecke hängt von Schmerz, Leistungsfähigkeit und Erholung ab. Bei starken Beschwerden kann kürzeres, dafür häufigeres Gehen ein sinnvoller Einstieg sein.
Können Übungen den Knorpel nachwachsen lassen?
Ein zuverlässiger Wiederaufbau stark veränderten Gelenkknorpels durch gewöhnliche Übungen ist nicht nachgewiesen. Training kann dennoch Schmerz, Kraft und Funktion verbessern.
Kann Hüftarthrose Knieschmerzen verursachen?
Ja. Schmerzen können bis zum Knie ausstrahlen. Deshalb sollte bei unklaren Knieschmerzen auch die Hüfte untersucht werden. Eine eigenständige Kniearthrose kann ebenfalls bestehen.
Wie unterscheidet sie sich von einer Sehnenreizung?
Eine Adduktorentendinopathie und andere lokale Sehnenbeschwerden können ähnlich wahrgenommen werden. Untersuchung und Verlauf helfen bei der Unterscheidung.
Fazit
Coxarthrose ist eine häufige Gelenkerkrankung, deren Beschwerden nicht allein vom Röntgenbild abhängen. Aktuelle Leitlinien unterstützen individuell dosierte Bewegung, gezielten Kraftaufbau, Aufklärung und bei Bedarf eine ergänzende medikamentöse Behandlung. Eine Hüftprothese kann bei schweren anhaltenden Beschwerden sinnvoll sein, ist aber nicht automatisch die erste Lösung.
Wissenschaftliche Quellen
• Koc, T. A., Jr., et al. (2025). Hip pain and mobility deficits—Hip osteoarthritis: Revision 2025. *Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy, 55*(11), CPG1–CPG31. Physiotherapeutische Leitlinie zu Bewegung, Kraft, manueller Therapie und Funktion.
• American Academy of Orthopaedic Surgeons. (2023). *Management of osteoarthritis of the hip: Evidence-based clinical practice guideline*. Amerikanische orthopädische Leitlinie zu konservativen und operativen Optionen.
• National Institute for Health and Care Excellence. (2022). *Osteoarthritis in over 16s: Diagnosis and management (NG226)*. Britische Leitlinie zur Kernbehandlung, Training und gemeinsamen Entscheidung.
• Teirlinck, C. H., et al. (2023). Effect of exercise therapy in patients with hip osteoarthritis: A systematic review and cumulative meta-analysis. *Osteoarthritis and Cartilage Open, 5*(1), 100338. Systematische Auswertung zum Nutzen der Bewegungstherapie.
Mein Physio Akademie
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