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Morbus Perthes bei Kindern: Hüftkopfnekrose erkennen und behandeln

Autorenbild: Roman Welzk | Gründer mein-physio.info
Roman Welzk | Gründer mein-physio.info
vor 8 Stunden
6 Min. Lesezeit

Ein Kind beginnt zu hinken, möchte nicht mehr so lange spielen und klagt manchmal über Knieschmerzen. Nicht immer sitzt die Ursache dort, wo das Kind den Schmerz zeigt. Bei Morbus Perthes liegt eine zeitweise gestörte Durchblutung des Hüftkopfs vor, wodurch Knochengewebe geschädigt wird. Die Erkrankung wird auch Legg-Calvé-Perthes genannt.


Morbus Perthes tritt überwiegend im Kindesalter auf und verläuft über mehrere Phasen, teilweise über Jahre. Für Eltern ist es besonders wichtig zu wissen, dass eine frühe Diagnose und eine kontinuierliche kinderorthopädische Kontrolle die Behandlungsplanung prägen. Nicht jedes Kind benötigt eine Operation, aber es gibt auch keine allgemeine Übung, mit der die Erkrankung zuverlässig geheilt werden kann.


Morbus Perthes bei Kindern: Hüftkopfnekrose erkennen und behandeln

Was passiert bei Morbus Perthes?


Das Hüftgelenk besteht aus dem kugelförmigen Oberschenkelkopf und der Gelenkpfanne des Beckens. Bei Morbus Perthes wird die Blutversorgung eines Teils des Hüftkopfs zeitweise unterbrochen. Dadurch kann Knochengewebe absterben; das wird als Osteonekrose bezeichnet.


Der Körper baut geschädigtes Knochengewebe später ab und ersetzt es durch neues. Während dieser Umbauphase kann der Hüftkopf weicher und anfälliger für Verformungen sein. Ein wesentliches Behandlungsziel ist deshalb, seine möglichst runde Form und eine gute Gelenkpassung zu erhalten.


Warum dauert die Erkrankung so lange?


Die Reparatur des Knochens ist ein langsamer biologischer Vorgang. Die American Academy of Orthopaedic Surgeons beschreibt verschiedene Phasen, von der anfänglichen Nekrose über Fragmentierung und Wiederverknöcherung bis zur ausgeheilten Phase.


Diese Abschnitte können sich über mehrere Jahre erstrecken. Eine zwischenzeitliche Verschlechterung im Röntgenbild bedeutet deshalb nicht automatisch, dass jede Massnahme versagt hat. Entscheidend ist die Gesamtbeurteilung durch die Kinderorthopädie.


Welche Kinder sind besonders betroffen?


Die Erkrankung wird häufiger bei Kindern im Alter von etwa vier bis zehn Jahren diagnostiziert. Jungen sind statistisch öfter betroffen als Mädchen. In einem kleineren Anteil können beide Hüften beteiligt sein.


Warum die Durchblutung vorübergehend gestört wird, ist bislang nicht vollständig geklärt. Eltern sollten sich deshalb keine einfache Schuldzuweisung wegen Sport, Schuhwerk oder alltäglicher Bewegung machen.


Typische Symptome bei Kindern


Ein auffälliges Hinken kann früh im Vordergrund stehen. Manche Kinder klagen über Leistenschmerzen oder Schmerzen an der Hüftvorderseite. Andere zeigen zunächst Beschwerden am Oberschenkel oder sogar am Knie.


Die Beschwerden können kommen und gehen. Oft fällt auf, dass Rennen, Springen oder längere Spaziergänge schlechter vertragen werden. Mitunter fällt eine eingeschränkte Drehbewegung der Hüfte auf.


Warum kann das Knie wehtun, obwohl die Hüfte krank ist?


Schmerzsignale aus der Hüfte können in andere Bereiche des Beins ausstrahlen. Bei Kindern muss deshalb bei anhaltenden scheinbar unerklärlichen Knieschmerzen auch das Hüftgelenk untersucht werden.


Eine Osgood-Schlatter-Erkrankung betrifft beispielsweise den Bereich unterhalb der Kniescheibe und hat eine andere Ursache. Die Unterscheidung gelingt über Schmerzort, Untersuchung und gegebenenfalls Bildgebung.


Wann muss ein hinkendes Kind zum Arzt?


Ein Kind mit neu aufgetretenem Hinken ohne klare harmlose Ursache sollte zeitnah medizinisch untersucht werden. Bestehen Fieber, ausgeprägte Schmerzen, ein schwer krank wirkendes Kind oder eine plötzlich fehlende Belastbarkeit, muss unter anderem eine Infektion des Hüftgelenks ausgeschlossen werden. Das kann ein Notfall sein.


Auch nach einem Unfall oder bei sich verschlechternden Beschwerden ist eine ärztliche Untersuchung angezeigt. Morbus Perthes darf nicht per Ferndiagnose vermutet und dann ausschliesslich mit Übungen behandelt werden.


Wie wird die Diagnose gestellt?


Die Untersuchung umfasst Gangbild, Hüftbeweglichkeit, Beckenstellung und mögliche weitere Ursachen. Besonders die Abspreizung und die Innenrotation der Hüfte können eingeschränkt sein.


Röntgenaufnahmen helfen, die Form des Hüftkopfs und die Krankheitsphase zu beurteilen. In frühen Stadien oder bei unklaren Befunden kann ein MRT zusätzliche Informationen liefern. Über längere Zeit sind wiederholte klinische Untersuchungen und Bildgebung notwendig, um den Verlauf zu verfolgen.


Warum ist die Einstufung nach Alter und Ausdehnung so wichtig?


Das Alter bei Krankheitsbeginn, der Anteil des betroffenen Hüftkopfs und der Zeitpunkt im Erkrankungsverlauf beeinflussen die Therapie. Jüngere Kinder haben häufig bessere Voraussetzungen zur Wiederherstellung einer runden Hüftkopfform als ältere Kinder.


Die AAOS erläutert, dass Alter und Ausmass der Nekrose besonders relevante Faktoren sind. Eine Behandlungsempfehlung allein aufgrund der Frage „Tut die Hüfte noch weh?“ wäre deshalb unzureichend.



Was sagt die aktuelle Forschung?


Eine 2025 veröffentlichte Fachübersicht zu operativen Möglichkeiten betont die Bedeutung der sogenannten Containment-Strategie: Der betroffene Hüftkopf soll möglichst gut von der Hüftpfanne überdacht bleiben, damit er während der Umbauphase in einer günstigen Form ausheilen kann.


Dabei ist die Evidenz nicht für jede Altersgruppe und jedes Verfahren gleich eindeutig. Viele Studien sind Beobachtungsstudien; direkte randomisierte Vergleiche aller konservativen und operativen Strategien fehlen. Gute Entscheidungen entstehen daher aus fachorthopädischer Beurteilung und der individuellen Situation des Kindes.


Wann genügt die konservative Behandlung?


Bei jüngeren Kindern mit günstiger Hüftkopfform und erhaltener Gelenkbeweglichkeit kann zunächst eine Beobachtung mit regelmässigen Kontrollen sinnvoll sein. Je nach Beschwerden und Befund können Aktivitäten angepasst werden. Sprünge und andere starke Stossbelastungen werden in empfindlichen Phasen oft reduziert.


Die Behandlung soll die Hüfte nicht unnötig steif werden lassen. Geeignete Bewegung und Physiotherapie können helfen, den Bewegungsumfang zu erhalten, ohne den Knochen zu überlasten.


Braucht mein Kind Gehstützen oder eine Schiene?


Das hängt von Schmerzen, Krankheitsphase und kinderorthopädischem Plan ab. Zeitweise Entlastung kann sinnvoll sein. Bestimmte orthopädische Schienen oder Gipsbehandlungen werden bei ausgewählten Befunden eingesetzt, sind aber nicht für jedes Kind automatisch erforderlich.


Welche Physiotherapie ist sinnvoll?


Das übergeordnete Ziel ist, Beweglichkeit, altersgerechte Aktivität und Selbstständigkeit zu unterstützen. Vor allem die Hüftabduktion und die Innenrotation werden häufig sorgfältig beobachtet.


Die Übungen dürfen keine erzwungenen schmerzhaften Endstellungen oder starken Belastungen in einer instabilen Umbauphase verursachen. Eltern sollten eine persönlich angepasste Anleitung erhalten und nicht allein nach einem Internetplan handeln.


Bewegung 1: Hüfte sanft bewegen


Nach Freigabe kann das Kind in Rückenlage ein Bein vorsichtig beugen und wieder strecken. Die Bewegung bleibt angenehm und ohne ruckartigen Druck. Das Ziel ist, die Hüfte nicht unnötig zu versteifen.


Bewegung 2: Abspreizen in Rückenlage


Das Bein kann langsam zur Seite geführt und zurückgebracht werden. Die Bewegung wird nicht in Schmerzen hineingedrückt. Eine therapeutische Begleitung ist sinnvoll, wenn der Bewegungsumfang deutlich eingeschränkt ist.


Bewegung 3: Unterstützte Innenrotation


Bei entsprechender Freigabe kann eine geringe, kontrollierte Innenrotationsbewegung durchgeführt werden. Eltern sollten niemals mit Kraft versuchen, einen eingeschränkten Hüftkopf in eine Position zu zwingen.


Bewegung 4: Geeignete Alltagsaktivität


Ruhige, gut verträgliche Aktivitäten können helfen, allgemeine Bewegungsfreude und soziale Teilhabe zu erhalten. Die geeignete Sportart hängt von Krankheitsphase und Belastungsfreigabe ab.


Bewegung 5: Kraftaufbau in späteren Phasen


Wenn der Hüftzustand es zulässt, können leichte Übungen für Gesäss- und Rumpfmuskulatur die Rückkehr zum Alltag unterstützen. Schnellkraft- und Sprungtraining gehört nicht automatisch in die empfindliche Phase des Knochenumbaus.


Wann wird eine Operation erwogen?


Bei älteren Kindern, grösserem Hüftkopfbefall oder ungünstiger Stellung kann eine operative Containment-Behandlung sinnvoll sein. Häufig werden dafür Knochenstellungen durch eine Osteotomie verändert, damit der Hüftkopf besser in die Gelenkpfanne eingepasst wird.


Welche Operation infrage kommt, hängt vom Alter, der Gelenkbeweglichkeit, der Kopfform und dem Krankheitsstadium ab. Eine chirurgische Empfehlung ohne persönliche Bildgebung wäre nicht seriös.


Was passiert nach einer Operation?


Die Nachbehandlung kann eine Phase mit eingeschränkter Belastung, Gehstützen oder einer schützenden Versorgung umfassen. Später folgen kontrollierte Beweglichkeit und Muskelaufbau. Das Schema legt das kinderorthopädische Team fest.


Langfristiger Verlauf und Prognose


Viele Kinder erreichen nach Abschluss des Knochenumbaus eine gute Alltagsfunktion. Besonders wichtig ist, ob der Hüftkopf eine relativ runde Form behält und in der Gelenkpfanne gut geführt wird.


Bleibt eine deutliche Verformung zurück, können später Bewegungseinschränkungen oder arthrotische Beschwerden wahrscheinlicher werden. Deshalb sollte die notwendige Verlaufskontrolle auch dann fortgesetzt werden, wenn das Kind zeitweise kaum Schmerzen hat.


Abgrenzung zu anderen Hüftproblemen


Ein Hüftimpingement ist ein anderes Krankheitsbild, das häufig bei älteren Jugendlichen oder Erwachsenen diskutiert wird. Eine schnappende Hüfte beschreibt oft ein Sehnengleitphänomen und nicht eine Osteonekrose.


Auch Adduktorenschmerzen in der Leiste können bei sportlich aktiven Menschen vorkommen. Eine genaue Untersuchung ist wichtig, bevor vermeintliche Leistenschmerzen durch Dehnübungen behandelt werden.


Bei Kindern mit Morbus Sever sitzt die Wachstumsproblematik an der Ferse, während Perthes den Hüftkopf betrifft. Eine Osteochondrosis dissecans am Knie ist wiederum eine eigenständige gelenknahe Erkrankung.



Video: Mein Physio stellt sich vor



Das Video vermittelt den allgemeinen Ansatz von Mein Physio. Es ist keine kinderorthopädische Behandlungsempfehlung für Morbus Perthes.


Häufige Fragen


Ist Morbus Perthes dasselbe wie Hüftarthrose?


Nein. Bei Perthes beginnt die Erkrankung mit einer Durchblutungsstörung und Veränderungen des wachsenden Hüftkopfs. Langfristig können Folgeschäden das Risiko für Arthrose erhöhen.


Kann das Kind trotz Erkrankung Sport treiben?


Die geeignete Aktivität hängt von Stadium, Kopfform und Beschwerden ab. Stark stossende Belastungen werden in bestimmten Phasen reduziert. Das kinderorthopädische Team legt die Grenzen individuell fest.


Wie lange dauert Morbus Perthes?


Der Knochenumbau kann sich über mehrere Jahre erstrecken. Die Dauer ist individuell unterschiedlich und wird durch Verlaufskontrollen beurteilt.


Müssen alle Kinder operiert werden?


Nein. Jüngere Kinder mit günstigen Befunden werden häufig zunächst konservativ behandelt. Operationen kommen für ausgewählte Situationen infrage.


Warum klagt mein Kind über Knieschmerzen?


Schmerzen aus der Hüfte können in den Oberschenkel oder ins Knie ausstrahlen. Bei längerem Hinken sollte deshalb auch die Hüfte untersucht werden.


Fazit


Morbus Perthes ist eine besondere Erkrankung des wachsenden Hüftkopfs. Entscheidend sind die frühe Diagnose, die Beurteilung von Alter und Knochenzustand sowie eine über längere Zeit koordinierte Betreuung. Physiotherapie erhält Beweglichkeit und Funktion, ersetzt aber nicht die notwendige kinderorthopädische Kontrolle.


Wissenschaftliche Quellen


• American Academy of Orthopaedic Surgeons. (o. J.). *Perthes disease – Legg-Calvé-Perthes.* https://www.orthoinfo.org/diseases--conditions/perthes-disease — Von kinderorthopädischen Fachleuten geprüfte Patienteninformation zu Krankheitsphasen, Bildgebung und Therapie.


• Legg-Calvé-Perthes disease – Surgical treatment options. (2025). *Archives of Orthopaedic and Trauma Surgery*. https://link.springer.com/article/10.1007/s00402-025-05801-3 — Aktuelle Fachübersicht über Containment, konservative Ansätze und operative Behandlungsmöglichkeiten.


• Mayo Clinic. (2024). *Legg-Calvé-Perthes disease: Diagnosis and treatment.* https://www.mayoclinic.org/diseases-conditions/legg-calve-perthes-disease/diagnosis-treatment/drc-20374348 — Klinische Übersicht zu Untersuchungen, Verlaufsmanagement und Betreuung von Familien.


Mein Physio Akademie


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