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Os naviculare accessorium: Schmerzen an der Fussinnenseite erkennen und behandeln

Autorenbild: Roman Welzk | Gründer mein-physio.info
Roman Welzk | Gründer mein-physio.info
vor 4 Stunden
6 Min. Lesezeit

Du bemerkst an der Fussinnenseite oberhalb des Fussgewölbes einen festen Knochenvorsprung, der beim Gehen, Sport oder durch den Schuh drückt. Vielleicht treten die Beschwerden erst im Jugendalter auf, obwohl du die knöcherne Verdickung schon länger kennst. Eine mögliche Ursache ist ein Os naviculare accessorium, auch akzessorisches Kahnbein oder Os tibiale externum genannt.


Dieser zusätzliche Knochen ist eine anatomische Variante und keineswegs automatisch krankhaft. Erst wenn lokale Beschwerden auftreten, spricht man von einem symptomatischen akzessorischen Navikulare. Die Behandlung zielt zunächst meist auf Entlastung, angepasste Schuhe und einen schrittweisen Funktionsaufbau. Wichtig ist die Abgrenzung von Sehnenverletzungen, Stressfrakturen und anderen Ursachen von Schmerzen an der Fussinnenseite.


Os naviculare accessorium: Schmerzen an der Fussinnenseite erkennen und behandeln

Was ist ein Os naviculare accessorium?


Das normale Kahnbein des Fusses, Os naviculare, liegt an der Innenseite des Mittelfusses zwischen Sprungbein und Keilbeinen. An seiner Innenseite setzt die Sehne des Musculus tibialis posterior an, die das Fussgewölbe mit unterstützt. Bei manchen Menschen befindet sich hier zusätzlich ein kleines Knochenstück oder ein vergrösserter Knochenvorsprung.


Diese Variante ist angeboren beziehungsweise entwicklungsbedingt. Sie ist kein Tumor und normalerweise auch kein Hinweis auf eine krankhafte Knochenneubildung. Die Ausprägung kann stark variieren, ebenso die Beschwerden.


Drei häufig beschriebene Typen


Klassisch wird zwischen drei Formen unterschieden. Typ I ist ein kleiner zusätzlicher Knochen innerhalb des Sehnenverlaufs; Typ II liegt mit einer knorpelig-faserigen Verbindung zum eigentlichen Kahnbein. Typ III beschreibt ein besonders grosses knöchernes Tuberositas-Areal.


Gerade Typ II kann bei mechanischem Zug, Sportbelastung oder wiederholtem Druck Beschwerden verursachen. Die Typisierung hilft bei der Diagnostik, darf aber nicht mit einem sicheren Schmerznachweis verwechselt werden.


Wie macht sich ein symptomatisches Os naviculare bemerkbar?


Typisch ist ein klar lokalisierbarer Druckschmerz auf der Innenseite des Mittelfusses. Ein harter Knochenvorsprung kann durch die Schuhinnenseite gereizt werden. Manche Menschen berichten über Schwellung, Rötung oder eine zunehmende Schmerzhaftigkeit nach Sport und längerem Gehen.


Beim Anheben der Ferse, bei einbeiniger Belastung oder beim Drehen des Fusses kann der Schmerz zunehmen. Daneben kann ein flexibler Plattfuss bestehen; er ist aber nicht zwingend vorhanden. Aus einer sichtbaren Fussgewölbeform allein lässt sich die Ursache nicht verlässlich ableiten.


Muss der Zusatzknochen immer Schmerzen machen?


Nein. Viele Menschen besitzen ein akzessorisches Navikulare, ohne jemals Beschwerden zu entwickeln. Röntgenbilder dürfen daher nicht losgelöst von der klinischen Untersuchung interpretiert werden. Der Umstand, dass ein Zusatzknochen existiert, ist keine automatische Operationsindikation.


Wie entsteht der Schmerz?


Mechanisch können Druck im Schuh, Zug an der Tibialis-posterior-Sehne oder Belastungen der Verbindung zwischen Zusatzknochen und Navikulare beteiligt sein. Bei Beschwerden können sich die angrenzenden Gewebe entzündlich verändern oder im MRT Knochenmarködeme sichtbar werden.


Vor allem während Wachstumsphasen und nach Änderungen der sportlichen Belastung treten bei manchen Betroffenen erstmals Symptome auf. Es gibt jedoch keinen überzeugenden Beleg, dass eine einzelne falsche Gang- oder Sitzhaltung die Variante verursacht.


Wann solltest du die Fussinnenseite untersuchen lassen?


Wenn der Knochenvorsprung neu schmerzt, der Fuss anschwillt, das Gehen zunehmend eingeschränkt ist oder Beschwerden trotz Entlastung anhalten, ist eine Untersuchung sinnvoll. Nach einem Unfall mit starken Schmerzen muss zudem eine Fraktur ausgeschlossen werden.


Bei Fieber, starker Überwärmung, offenen Druckstellen oder erheblicher Belastungsunfähigkeit sind andere Ursachen zeitnah abzuklären. Auch zunehmende neurologische Symptome wie Kribbeln und Taubheit passen nicht automatisch zu einem gewöhnlichen akzessorischen Knochen.


Diagnose: Untersuchung, Röntgen, Ultraschall und MRT


Die Untersuchung prüft, ob der Schmerz direkt über dem knöchernen Vorsprung liegt und welche Bewegungen ihn verstärken. Die Tibialis-posterior-Sehne und die Beweglichkeit des Rückfusses werden ebenfalls beurteilt.


Röntgenaufnahmen zeigen den Zusatzknochen und die Knochenform. Ein MRT kann bei unklaren oder anhaltenden Beschwerden helfen, Knochenmarködeme, Reizungen an der Verbindung und Sehnenveränderungen darzustellen. Ultraschall kann vor allem für die Beurteilung oberflächlicher Sehnen und benachbarter Weichteile nützlich sein.


Unterschied zur Tibialis-posterior-Tendinopathie


Die Tibialis-posterior-Sehne kann auch ohne akzessorischen Knochen schmerzhaft sein. Ihr Verlauf liegt hinter dem Innenknöchel und zieht zum Fussgewölbe. Gerade bei Erwachsenen mit zunehmend absinkendem Fussgewölbe muss eine eigenständige Sehnenfunktionsstörung untersucht werden.


Auch ein Tarsaltunnelsyndrom verursacht Schmerzen in der Fussinnenseite, häufig jedoch mit Kribbeln oder anderen Nervensymptomen.


Medizinische Abbildung: Zusätzliches Fusskahnbein


Röntgenabbildung: Os naviculare accessorium: Schmerzen an der Fussinnenseite erkennen und behandeln – Lizenz und Urheber in Bildunterschrift

Röntgenaufnahme mit akzessorischem Os naviculare und zusätzlichem Sesambein. Quelle: Dr. Ajay B / Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0, unverändert übernommen. Die Aufnahme zeigt eine anatomische Variante; sie beweist nicht, dass diese Variante bei einer anderen Person Schmerzen verursacht.



Konservative Behandlung: Was ist sinnvoll?


Bei typischen stabilen Beschwerden beginnt die Behandlung meist ohne Operation. Ein Review aus dem Jahr 2023 über akzessorische Navikulare bei Kindern beschreibt Entlastung, Anpassung der Aktivität, geeignete Schuhversorgung und Physiotherapie als grundlegende Möglichkeiten. Die Evidenz für ein einzelnes überlegenes konservatives Verfahren ist allerdings begrenzt.


Schuhdruck reduzieren


Eine ausreichend breite und weiche Schuhinnenseite kann helfen, Reibung über dem knöchernen Vorsprung zu verringern. Druckstellen sollten nicht durch besonders harte Einlagen genau auf dem empfindlichen Knochen verstärkt werden. Manchmal ist eine individuelle Anpassung von Schuh oder Einlage sinnvoll.


Belastung vorübergehend anpassen


Bei stärkerer Schmerzhaftigkeit können Sprünge, lange Laufstrecken und enge Sportschuhe vorübergehend reduziert werden. Bei ausgeprägten Beschwerden kann ärztlich auch eine befristete Ruhigstellung beziehungsweise Schutzversorgung erwogen werden. Das Ziel ist nicht dauerhafte Inaktivität, sondern die spätere Rückkehr zu verträglicher Bewegung.


Schmerzbehandlung und Entzündungshemmung


Kurzfristige symptomatische Massnahmen können individuell sinnvoll sein. Ob entzündungshemmende Medikamente geeignet sind, hängt von Alter, Vorerkrankungen und Risiken ab. Eine eigenständige Dauermedikation ist keine Lösung für ein mechanisches Druckproblem.


Fünf mögliche Übungsbausteine


Die Übungen gelten nur bei medizinisch abgeklärtem, stabilem Befund. Sie sollen Bewegungsfunktion und Belastbarkeit fördern, nicht den zusätzlichen Knochen entfernen. Bei deutlicher lokaler Schmerzprovokation wird die Übung reduziert oder zunächst weggelassen.


Übung 1: Sprunggelenk auf und ab bewegen


Setze dich hin und bewege den Fuss langsam zur Schienbeinseite und zurück. Der Knochenvorsprung sollte dabei nicht direkt unter Druck geraten. Beginne mit zehn lockeren Wiederholungen.


Übung 2: Fussgewölbe sanft aktivieren


Stelle den Fuss flach auf und versuche, das innere Fussgewölbe geringfügig zu stabilisieren, ohne die Zehen einzurollen. Halte wenige Sekunden und entspanne wieder. Bei Druckschmerz am Ansatzgebiet der Tibialis-posterior-Sehne sind kleinere Intensitäten sinnvoll.


Übung 3: Balance mit sicherer Unterstützung


Stelle dich neben eine feste Arbeitsfläche und verlagere das Gewicht langsam auf den betroffenen Fuss. Zunächst genügt ein kurzer teilbelasteter Stand. Später kann daraus ein Einbeinstand werden, wenn er gut vertragen wird.


Übung 4: Beidbeiniges Fersenheben


Nach ausreichender Belastungsfreigabe können langsame beidbeinige Wadenhebungen helfen, Unterschenkelmuskulatur und Fussfunktion zu stärken. Beginne mit wenigen Wiederholungen. Eine deutlich schmerzende Knochenregion soll nicht wiederholt provoziert werden.


Übung 5: Gehstrecken passend aufbauen


Nutze gut sitzende Schuhe und starte mit einer Strecke, die du ohne ausgeprägte lokale Schmerzen bewältigen kannst. Steigere die Belastung entsprechend der Reaktion am Folgetag, nicht anhand einer starren Kilometerzahl.


Wann wird operiert?


Bei langfristig erheblichen Beschwerden trotz sorgfältiger konservativer Behandlung kann eine Operation diskutiert werden. Dabei wird je nach anatomischer Form der Zusatzknochen entfernt und die Sehnenansatzsituation angepasst oder ein anderes Verfahren gewählt. Eine Variante ist die sogenannte Kidner-Operation.


Eine systematische Übersicht von 2023 fasste 26 Studien mit zusammen 520 operierten Patientinnen und Patienten zusammen. Sie zeigte Verbesserungen in klinischen Ergebnissen, konnte aufgrund der grossen Unterschiede zwischen Studien und der wenigen hochwertigen direkten Vergleiche aber kein eindeutig überlegenes Operationsverfahren bestimmen.


Das ist ein wichtiger Unterschied: Dass viele Patienten nach Operationen profitieren, bedeutet nicht, dass jede beschwerdefreie Knochenvariante entfernt werden sollte.


Was ist bei einem Plattfuss anders?


Ein flexibler Plattfuss kann gemeinsam mit einem akzessorischen Kahnbein vorkommen. Dann muss beurteilt werden, ob der Schmerz tatsächlich vom Knochenansatz stammt oder zusätzlich eine relevante Sehnen- und Rückfussproblematik vorliegt.


Eine tarsale Koalition ist eine andere Ursache von Beschwerden bei Jugendlichen, häufig mit eingeschränkter Rückfussbeweglichkeit. Der Unterschied lässt sich klinisch und gegebenenfalls bildgebend herausarbeiten.


Bei Schmerzen unter der Grosszehe ist dagegen beispielsweise eine Sesamoiditis zu bedenken. Eine Plantarplattenverletzung betrifft wiederum einen anderen Vorfussbereich.



Video aus dem Mein-Physio-Kanal



Das Video ergänzt die allgemeinen Informationen zu Physiotherapie und Bewegung. Es ist kein spezielles Training bei schmerzhaftem Os naviculare accessorium.


Häufige Fragen


Ist ein zusätzliches Kahnbein gefährlich?


Es handelt sich meist um eine harmlose anatomische Variante. Bei Beschwerden kann es behandlungsbedürftig werden. Eine neue, starke Schmerzreaktion oder Verletzung erfordert dennoch eine Untersuchung.


Kann der Knochen durch Übungen verschwinden?


Nein. Übungen können die Funktion beeinflussen, aber den zusätzlich angelegten Knochen nicht verschwinden lassen.


Braucht jedes Kind mit Os naviculare eine Einlage?


Nein. Beschwerden und individuelle Funktion sind wichtiger als der Röntgenbefund allein. Bei Druckbeschwerden kann eine passende Schuhversorgung sinnvoll sein.


Ist eine Operation immer erfolgreich?


Viele Betroffene berichten nach ausgewählten Operationen über Besserung; Komplikationen und persistierende Beschwerden sind jedoch möglich. Die Evidenzqualität reicht nicht für eine Erfolgsgarantie.


Kann ich damit Sport treiben?


Bei beschwerdefreiem Befund ist in der Regel keine besondere Einschränkung notwendig. Bei Schmerzen werden Belastung, Schuhwerk und Trainingsumfang angepasst.


Fazit


Ein Os naviculare accessorium ist eine häufig beschriebene anatomische Variante an der Innenseite des Mittelfusses. Nur ein Teil dieser Varianten wird schmerzhaft. Die Diagnose kombiniert klinische Beschwerden und Bildgebung und grenzt andere Ursachen ab. Meist startet die Therapie mit Schuhentlastung und individuell passender Aktivität. Operationen bleiben ausgewählten langwierigen Fällen vorbehalten.


Wissenschaftliche Quellen


• Accessory navicular in children. (2023). *World Journal of Clinical Cases, 11*. — Übersichtsarbeit zu Anatomie, klinischen Beschwerden, Diagnostik und Behandlung bei Kindern.


• Outcomes following surgical treatment for symptomatic accessory navicular: A systematic review. (2023). *Foot & Ankle Orthopaedics*. — Vergleich operativer Ergebnisse; erhebliche Heterogenität schränkt die Wahl einer besten Operation ein.


• Outcomes following treatment of symptomatic accessory navicular with pes planus correction: A systematic review. (2024). *Foot & Ankle Orthopaedics*. — Literatur zu kombiniertem akzessorischem Knochen und Plattfuss; Studienqualität und Übertragbarkeit berücksichtigen.


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