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Sinding-Larsen-Johansson-Syndrom: Knieschmerzen bei sportlichen Jugendlichen behandeln

Autorenbild: Roman Welzk | Gründer mein-physio.info
Roman Welzk | Gründer mein-physio.info
vor 6 Stunden
6 Min. Lesezeit

Wenn ein Kind beim Springen oder Rennen direkt am unteren Rand der Kniescheibe Schmerzen spürt, kann ein Sinding-Larsen-Johansson-Syndrom dahinterstecken. Besonders im Wachstum entsteht an dieser Stelle eine empfindliche Übergangszone zwischen Knochen und Sehnenansatz. Die Beschwerden beginnen meistens schleichend: Sport ist anfangs noch möglich, nach intensiven Trainingseinheiten wird das Knie zunehmend schmerzhaft.

Sinding-Larsen-Johansson ist eine wachstumsassoziierte Überlastungserkrankung. Der Name klingt kompliziert, aber ein wichtiger Unterschied hilft beim Verständnis: Der bekannte Morbus Osgood-Schlatter betrifft vor allem den Ansatz der Patellasehne am Schienbein. Sinding-Larsen-Johansson betrifft dagegen den unteren Pol der Kniescheibe. Beide Diagnosen verlangen eine sorgfältige Untersuchung und eine zur individuellen Belastung passende Behandlung.

Sinding-Larsen-Johansson

Was passiert beim Sinding-Larsen-Johansson-Syndrom?

Die Patellasehne verläuft von der Kniescheibe zur knöchernen Erhebung des oberen Schienbeins. Beim Strecken des Knies überträgt sie die Kraft des Quadrizeps. Am unteren Kniescheibenpol liegt während der Skelettreifung eine besondere, noch in Entwicklung befindliche Knochen-Sehnen-Übergangszone.

Wiederholte hohe Zugbelastungen, etwa bei Sprüngen, Landungen, Sprints oder Richtungswechseln, können diesen Bereich reizen. In der Fachliteratur wird die Erkrankung als Traktionsosteochondrose beziehungsweise als wachstumsbedingte Ansatzreizung beschrieben. Das bedeutet nicht, dass der Knochen dauerhaft zerstört wird oder Jugendliche sich grundsätzlich zu wenig bewegen dürfen.

In welchem Alter kommt die Erkrankung vor?

Eine Scoping-Review aus dem Jahr 2024 beschreibt Betroffene überwiegend im Alter von etwa neun bis siebzehn Jahren. Das Risiko hängt nicht nur vom Lebensalter ab: Wachstumsgeschwindigkeit, Intensität des Trainings, Erholungsphasen und individuelle Belastbarkeit können mitwirken. Die meisten Veröffentlichungen betreffen junge Sportler; die Erkrankung kann aber auch Mädchen und weniger leistungsorientierte Jugendliche betreffen.

Wie erkenne ich die typischen Symptome?

Kennzeichnend ist ein gut lokalisierbarer Schmerz am unteren Ende der Kniescheibe. Er wird beim Hüpfen, Springen, Sprinten, Treppensteigen oder tiefen Kniebeugen oft stärker. Zu Beginn schmerzt das Knie manchmal erst nach dem Training, später auch während der Belastung.

Bei der Untersuchung kann ein lokaler Druckschmerz unmittelbar am Kniescheibenpol auftreten. Gelegentlich berichten Betroffene von Steifigkeit nach längerem Sitzen. Eine ausgeprägte, heisse Gelenkschwellung ist hingegen nicht typisch und sollte an andere Ursachen denken lassen.

Was unterscheidet Sinding-Larsen-Johansson von Osgood-Schlatter?

Bei Morbus Osgood-Schlatter sitzt der Schmerz meist einige Zentimeter tiefer am Schienbeinansatz. Bei Sinding-Larsen-Johansson befindet er sich am unteren Kniescheibenpol. Die Beschwerden überlappen, sodass die exakte Lokalisation und eine klinische Untersuchung wichtig sind. Beide Erkrankungen können in seltenen Fällen gemeinsam auftreten.

Ist das dasselbe wie Jumper's Knee?

Nicht vollständig. Beim Jumper's Knee handelt es sich in der Regel um eine Patellasehnen-Tendinopathie, die auch bei Erwachsenen vorkommt. Bei Sinding-Larsen-Johansson steht die unreife Ansatzregion des noch wachsenden Knochens im Mittelpunkt. Die therapeutische Belastungssteuerung kann sich ähneln, die diagnostische Einordnung sollte aber unterschiedlich bleiben.

Wodurch entstehen die Beschwerden?

Sprungintensive Sportarten wie Fussball, Basketball, Volleyball und Leichtathletik sind häufige Belastungskontexte. Eine plötzliche Erhöhung von Trainingsstunden, Wettkämpfen oder zusätzlichen Athletikeinheiten kann die Belastungsreserve überschreiten. Auch ein Wachstumsschub kann zeitweise verändern, wie sich Bewegung und Kraft anfühlen.

Eine einzelne „falsche“ Übung erklärt den Zustand meist nicht. Entscheidend ist die Summe der Belastungen und ob genügend Erholung möglich ist. Jugendliche, die Schmerzen ignorieren, weil sie ihren Platz im Team nicht verlieren möchten, benötigen besonders sorgfältige Beratung.

Wann sollte das Knie medizinisch untersucht werden?

Wiederkehrende Schmerzen am Kniescheibenpol sollten untersucht werden, wenn sie den Sport einschränken, zunehmen oder über mehrere Wochen bleiben. Bei einem plötzlichen Knall, einer deutlichen Schwellung nach Unfall, fehlender aktiver Kniestreckung, Fieber oder Unfähigkeit zu belasten ist eine zeitnahe ärztliche Beurteilung erforderlich.

Besonders wichtig ist die Abgrenzung zu einer akuten knöchernen Ausrissverletzung des unteren Kniescheibenpols. Eine solche Verletzung kann bei Heranwachsenden auftreten und darf nicht vorschnell als gewöhnliche Wachstumsreizung bezeichnet werden.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Die Anamnese klärt Schmerzort, Beginn, Sportumfang und Wachstumssituation. Anschliessend prüft die Ärztin oder der Physiotherapeut das Knie auf Druckschmerz, Streckfunktion, Bewegungsumfang und Hinweise auf andere Verletzungen. Meist liefern typische Beschwerden und Untersuchung wesentliche Informationen.

Ultraschall kann Veränderungen am unteren Kniescheibenpol und am Sehnenansatz darstellen. Ein MRT ist nicht für alle Betroffenen notwendig, wird aber bei unklarer Diagnose, ungewöhnlich starken Beschwerden oder Verdacht auf andere Schäden erwogen. Röntgenbilder können helfen, knöcherne Verletzungen oder andere Erkrankungen abzugrenzen.

Was sagt die Forschung über die Bildgebung?

Die Scoping-Review von Wilczyński und Mitarbeitenden aus 2024 fasst klinische Merkmale und Bildgebungsbefunde zusammen. Sie nennt Ultraschall und MRT als hilfreiche Verfahren, betont aber gleichzeitig, dass der Forschungsstand vorwiegend aus kleinen Studien und Fallberichten besteht. Ein einzelner auffälliger Bildbefund ohne passende Symptome beweist daher nicht automatisch die Ursache.

Was hilft gegen Sinding-Larsen-Johansson?

In der Regel wird konservativ behandelt. Ziel ist nicht eine vollständige und unbefristete Sportpause, sondern eine Phase mit besser verträglicher Belastung und anschliessend ein kontrollierter Wiedereinstieg. Hoch schmerzhafte Sprünge, Sprints und intensive Wettkämpfe können vorübergehend reduziert werden.

Die verfügbare Literatur zeigt häufig eine Besserung im Verlauf von Monaten; die Scoping-Review berichtet in den erfassten Veröffentlichungen von ungefähr zwei bis acht Monaten. Diese Zeitspanne ist keine verlässliche Heilungsprognose für jede Person, sondern beschreibt sehr unterschiedliche Einzelfallserien.

Ist vollständige Ruhe besser?

Eine kurze deutliche Entlastung kann bei ausgeprägten Beschwerden sinnvoll sein. Langfristig sollte jedoch ein individueller Plan helfen, Beweglichkeit, Kraft und sportliche Fertigkeiten wieder aufzubauen. Häufig können schonende Aktivitäten erhalten bleiben. Das Training sollte so gewählt werden, dass der Schmerz währenddessen begrenzt bleibt und sich am Folgetag nicht deutlich verschlimmert.

Helfen Eis, Medikamente oder Bandagen?

Kühlung kann vorübergehend angenehm sein. Ein ärztlich empfohlenes Schmerzmittel kann in ausgewählten Fällen Beschwerden lindern, verändert aber nicht automatisch die Ursache der Zugbelastung. Bandagen und Tapes sind allenfalls Ergänzungen; robuste direkte Studien für eine bestimmte Orthese bei Sinding-Larsen-Johansson fehlen.

Sechs Übungsbausteine für einen altersgerechten Wiedereinstieg

Die folgenden Beispiele sind nur für ein medizinisch eingeordnetes, unkompliziertes Beschwerdebild gedacht. Bei akuter Verletzung, starker Schwellung oder Verdacht auf einen knöchernen Ausriss sind sie vorerst ungeeignet. Kinder sollten die Übungen nicht mit Schmerzen erzwingen.

1. Sanfte Kniebewegung ohne Zusatzgewicht

Setze dich auf einen Stuhl und strecke das Knie langsam innerhalb eines angenehmen Bereichs. Senke den Unterschenkel wieder. Acht bis zwölf Wiederholungen helfen, Bewegung zu erhalten, ohne sofort hohe Sprungkräfte aufzubauen.

2. Leichte isometrische Quadrizeps-Anspannung

Spanne im Sitzen den vorderen Oberschenkel fünf Sekunden lang moderat an, ohne gegen starken Widerstand zu drücken. Wiederhole dies fünfmal. Steigert die Übung den typischen Schmerz deutlich, ist sie noch zu intensiv.

3. Brücke zur Hüftkräftigung

Lege dich auf den Rücken, stelle beide Füsse auf und hebe das Becken langsam an. Halte kurz und senke es wieder ab. Zwei Sätze mit sechs bis zehn Wiederholungen sind ein möglicher Einstieg, wenn das Knie ruhig bleibt.

4. Kleine kontrollierte Kniebeuge

Stehe an einer stabilen Fläche und beuge beide Knie nur ein kleines Stück. Halte die Bewegung langsam und kontrolliert. Eine tiefe Kniebeuge ist nicht notwendig, solange die Ansatzregion empfindlich ist.

5. Beidbeiniges Wadenheben

Hebe die Fersen im Stehen langsam an und senke sie kontrolliert ab. Diese Bewegung trainiert einen Teil der Beinmuskulatur, ersetzt aber nicht das spätere gezielte Knietraining. Beginne mit einer gut verträglichen Wiederholungszahl.

6. Rückkehr zu Laufen und Springen

Erst wenn Gehen, Treppensteigen und die grundlegenden Kraftübungen gut vertragen werden, folgen leichte Laufabschnitte. Kleine Sprünge und Richtungswechsel kommen später hinzu. Die Trainingsbelastung kann anhand von Schmerz, Funktion und der Reaktion in den folgenden 24 Stunden gesteigert werden.

Wie können Eltern und Trainer unterstützen?

Ein Trainingstagebuch kann Belastungsänderungen sichtbar machen. Hilfreich sind Angaben zu Trainingstagen, Sprüngen, Wettkämpfen, Schmerzen und Erholung. Der Wiedereinstieg lässt sich besser planen, wenn Trainer und Behandlungsteam zusammenarbeiten.

Ein häufiger Fehler ist, Jugendliche mit der Aussage „Wachstumsschmerzen gehören dazu“ zum Weitermachen zu drängen. Ebenso wenig hilfreich ist es, sämtliche Bewegung ohne neuen Plan zu verbieten. Entscheidend ist, die hohe sportliche Belastung vorübergehend so anzupassen, dass Erholung und kontrollierter Aufbau möglich werden.

Wann muss die Diagnose überprüft werden?

Wenn Schmerzen plötzlich einsetzen, eine echte Blockade entsteht oder die Streckfunktion verloren geht, darf nicht vom typischen Verlauf ausgegangen werden. Auch fehlender Fortschritt trotz durchdachter Belastungssteuerung rechtfertigt eine erneute Untersuchung.

Eine Osteochondrosis dissecans des Knies ist eine andere Erkrankung, bei der unter anderem tiefer Gelenkschmerz und unter Umständen mechanische Symptome auftreten können. Eine Patellaluxation hat hingegen typischerweise einen akuten Instabilitätsmechanismus. Diese Beschwerden sollten nicht vermischt werden.

Video: So arbeitet Mein Physio

Das Video zeigt den allgemeinen Ansatz von Mein Physio. Es ersetzt keine persönliche Untersuchung bei Knieproblemen im Kindes- oder Jugendalter.

Häufige Fragen

Darf mein Kind weiterhin Fussball spielen?

Das hängt von der Beschwerdestärke und der Belastungsreaktion ab. Häufig kann Training vorübergehend angepasst werden, während sehr schmerzhafte Sprünge und Sprints reduziert werden. Bei Warnzeichen oder plötzlichem Unfall ist eine Untersuchung vorrangig.

Muss ein MRT durchgeführt werden?

Nein. Ein MRT kann bei unklarem Befund sinnvoll sein, ist aber nicht automatisch bei allen Jugendlichen mit typischen Ansatzbeschwerden erforderlich.

Kann die Erkrankung dauerhaft bleiben?

In der Regel ist der Verlauf günstig, aber die Erholungsdauer ist individuell. Anhaltende Beschwerden brauchen eine erneute Überprüfung von Diagnose, Belastung und anderen möglichen Ursachen.

Helfen Patellasehnen-Übungen von Erwachsenen?

Nicht jedes Programm lässt sich unmittelbar übertragen. Die Knochenreifung und die Beschwerden am Kniescheibenpol müssen berücksichtigt werden. Hoch belastende Sehnenübungen werden nicht ungeprüft übernommen.

Wie unterscheidet sich die Erkrankung von einer Quadrizepssehnenproblematik?

Bei einer Quadrizepssehnen-Tendinopathie sitzt der Schmerz überwiegend oberhalb der Kniescheibe. Beim Sinding-Larsen-Johansson-Syndrom liegt er typischerweise am unteren Pol.

Fazit

Das Sinding-Larsen-Johansson-Syndrom ist eine wachstumsassoziierte Überlastungserkrankung am unteren Kniescheibenpol. Die Behandlung ist überwiegend konservativ und kombiniert eine vorübergehende Reduktion stark schmerzhafter Belastungen mit einem schrittweisen Trainingsaufbau. Wichtig sind die Abgrenzung zu Osgood-Schlatter und anderen Knieverletzungen sowie eine realistische, individuelle Sportfreigabe.

Wissenschaftliche Quellen

- Wilczyński, B., Taraszkiewicz, M., de Tillier, K., Biały, M., & Zorena, K. (2024). Sinding-Larsen-Johansson disease: Clinical features, imaging findings, conservative treatments and research perspectives: A scoping review. *PeerJ, 12*, e17996. Quelle öffnen — Umfangreiche Literaturübersicht mit Hinweis auf die begrenzte Zahl hochwertiger Therapiestudien. - American College of Emergency Physicians, Sports Medicine Section. (2022). *Anterior knee pain: A guide and differential diagnosis.* Quelle öffnen — Klinischer Überblick über sportbezogene vordere Knieschmerzen und wichtige Differenzialdiagnosen. - Cleveland Clinic. (2022). *Sinding-Larsen-Johansson syndrome: Diagnosis & treatment.* Quelle öffnen — Patientenorientierte medizinische Informationen zu Mechanismus, Verlauf und Abgrenzung zum Morbus Osgood-Schlatter.

Weiterlernen in der Mein Physio Akademie

Weitere evidenzorientierte Informationen zu Bewegung und Rehabilitation findest du in der Mein Physio Akademie. Bei akuten Knieschmerzen oder Funktionsverlust ist eine ärztliche Untersuchung wichtiger als Eigenübungen.

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