Reizfilterstörung: Ursachen, Symptome und Diagnostik
- Roman Welzk | Gründer mein-physio.info

- 22. Dez. 2022
- 15 Min. Lesezeit
Geräusche erscheinen unerträglich laut, helles Licht strengt an, Berührungen werden als unangenehm empfunden und in einem vollen Raum fällt es schwer, einem Gespräch zu folgen. Menschen, die solche Situationen regelmäßig erleben, sprechen häufig von einer „Reizfilterstörung“, einer Reizfilterschwäche oder einer besonders starken Reizoffenheit. Gemeint ist damit meist das Gefühl, dass das Gehirn unwichtige Informationen aus der Umgebung nicht ausreichend ausblendet und dadurch zu viele Eindrücke gleichzeitig verarbeitet werden müssen.
Der Begriff „Reizfilterstörung“ wird im Alltag und teilweise auch im therapeutischen Umfeld verwendet. Er ist jedoch keine eigenständige und einheitlich definierte Diagnose im DSM-5-TR oder in der ICD-11. Fachlich präziser ist es daher, von Besonderheiten oder Schwierigkeiten der sensorischen Reizverarbeitung zu sprechen. In der englischsprachigen Forschung werden unter anderem die Begriffe „sensory processing difficulties“, „sensory processing differences“ und „sensory over-responsivity“ verwendet (American Psychiatric Association, 2022; World Health Organization, 2024).
Inhaltsverzeichnis:
Was ist eine Reizfilterstörung?
Unser Nervensystem nimmt ständig Informationen aus der Umwelt und aus dem eigenen Körper auf. Dazu gehören Geräusche, Licht, Gerüche, Geschmack, Berührungen, Temperatur, Bewegungen sowie Informationen über die Position des Körpers. Würden alle diese Eindrücke mit gleicher Intensität in unser Bewusstsein gelangen, wären zielgerichtetes Denken und Handeln kaum möglich. Das Gehirn muss deshalb fortlaufend auswählen, welche Reize gerade wichtig sind und welche in den Hintergrund treten können.
Der Ausdruck „Reizfilter“ ist dabei eine vereinfachte bildliche Beschreibung. Im Gehirn gibt es nicht einen einzelnen Filter, der Reize entweder durchlässt oder blockiert. Vielmehr wirken Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gewöhnung, emotionale Bewertung und hemmende Prozesse zusammen. Auch die aktuelle Situation spielt eine Rolle. Ein Geräusch, das in einem entspannten Zustand kaum wahrgenommen wird, kann unter Stress plötzlich als äußerst störend empfunden werden.
Von einer auffälligen sensorischen Verarbeitung wird gesprochen, wenn eine Person Reize wiederholt deutlich stärker, schwächer oder anders wahrnimmt und dadurch im Alltag beeinträchtigt wird. Schwierigkeiten können sich auf einzelne Sinnesbereiche beschränken oder mehrere Sinne gleichzeitig betreffen. Manche Menschen reagieren vor allem empfindlich auf Geräusche, andere auf Licht, Gerüche, Kleidung, Berührungen oder unübersichtliche Umgebungen (Dunn, 1997; Passarello et al., 2022).

Unterschiedliche Formen der Reizverarbeitung
Probleme der sensorischen Reizverarbeitung zeigen sich nicht bei allen Menschen gleich. In der Forschung werden häufig verschiedene Reaktionsmuster unterschieden. Bei einer sensorischen Überempfindlichkeit werden Reize schnell registriert und als besonders intensiv oder belastend erlebt. Normale Alltagsgeräusche können dann unangenehm laut erscheinen, Berührungen können stören und visuell unruhige Umgebungen können zu einer schnellen Erschöpfung führen.
Daneben gibt es eine sensorische Unterempfindlichkeit. Betroffene nehmen bestimmte Reize vergleichsweise spät oder schwach wahr. Sie reagieren möglicherweise verzögert auf Ansprache, bemerken Schmerzen oder Temperaturen weniger schnell oder benötigen stärkere Reize, um aufmerksam zu werden.
Ein weiteres Muster ist die aktive Suche nach intensiven Sinneseindrücken. Menschen mit einem solchen sogenannten „Sensory Seeking“ bewegen sich möglicherweise viel, berühren häufig Gegenstände, hören Musik besonders laut oder suchen starke körperliche und visuelle Reize. Diese Muster können auch miteinander kombiniert auftreten. Eine Person kann beispielsweise empfindlich auf Geräusche reagieren, gleichzeitig jedoch intensive Bewegung oder starken körperlichen Druck als angenehm empfinden (Dunn, 1997; Passarello et al., 2022).
Was sind die Ursachen einer Reizfilterstörung?
Für Schwierigkeiten der Reizverarbeitung gibt es keine einzelne, allgemeingültige Ursache. Die Wahrnehmung wird durch die Entwicklung des Nervensystems, genetische Einflüsse, Lernerfahrungen, Aufmerksamkeit, Emotionen und die aktuelle körperliche Verfassung geprägt. Auch Schlafmangel, anhaltende Belastungen oder starke innere Anspannung können dazu führen, dass Geräusche, Licht und Berührungen intensiver wahrgenommen werden.
Sensorische Besonderheiten treten besonders häufig im Zusammenhang mit neuroentwicklungsbedingten Erkrankungen auf. Bei Autismus gehören eine Über- oder Unterreaktion auf Sinnesreize sowie ein ungewöhnlich starkes Interesse an bestimmten sensorischen Eigenschaften sogar zu den möglichen diagnostischen Merkmalen. Studien zeigen, dass sensorische Auffälligkeiten bei autistischen Menschen deutlich häufiger auftreten als in Vergleichsgruppen. Dabei können Überempfindlichkeit, Unterempfindlichkeit und die Suche nach intensiven Reizen vorkommen (American Psychiatric Association, 2022; Ben-Sasson et al., 2019).
Auch Menschen mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung können Besonderheiten der sensorischen Verarbeitung zeigen. Untersuchungen mit Erwachsenen weisen sowohl auf eine verstärkte als auch auf eine verminderte Empfindlichkeit hin. Gleichzeitig können Ängste und innere Anspannung beeinflussen, wie stark sensorische Eindrücke wahrgenommen und bewertet werden. Eine Reizempfindlichkeit allein reicht deshalb nicht aus, um ADHS oder eine andere Erkrankung festzustellen (Kamath et al., 2020; Lane et al., 2010).
Darüber hinaus können Angststörungen, traumatische Erfahrungen, Migräne, Erschöpfungszustände, Schlafstörungen oder andere neurologische und psychische Belastungen mit einer erhöhten Reizempfindlichkeit verbunden sein. Ebenso müssen körperliche Ursachen berücksichtigt werden. Eine starke Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen kann beispielsweise mit Erkrankungen des Ohres oder einer Hyperakusis zusammenhängen, während Lichtempfindlichkeit unter anderem bei Migräne oder Augenerkrankungen vorkommen kann.
Einige Faktoren, die dazu beitragen können, dass eine Reizfilterstörung entsteht, sind:
Genetische Faktoren: Es gibt Hinweise darauf, dass Reizfilterstörungen vererbt werden können. Wenn ein Elternteil an einer Reizfilterstörung leidet, besteht ein erhöhtes Risiko, dass auch das Kind betroffen sein könnte.
Biologische Faktoren: Es gibt Hinweise darauf, dass im Gehirn von Menschen mit einer Reizfilterstörung bestimmte Bereiche weniger aktiv sind als bei Menschen ohne Störung. Es wird vermutet, dass diese Unterschiede die Fähigkeit, Reize zu verarbeiten, beeinflussen könnten.
Psychologische Faktoren: Belastende Lebensereignisse oder Stress können dazu beitragen, dass eine Reizfilterstörung entsteht oder sich verschlimmert.
Umweltbedingte Faktoren: Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte Umweltfaktoren, wie zum Beispiel Lärm oder Chemikalien, das Risiko einer Reizfilterstörung erhöhen können.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Ursachen von Reizfilterstörungen individuell sehr unterschiedlich sein können und dass es keine einfache Erklärung für die Entstehung der Störung gibt.
Was passiert dabei im Gehirn?
Sensorische Verarbeitung beginnt nicht erst mit der bewussten Wahrnehmung. Bereits auf frühen Verarbeitungsebenen werden Reize weitergeleitet, verstärkt, abgeschwächt und mit anderen Informationen verbunden. Anschließend bewertet das Gehirn, ob ein Reiz neu, wichtig, gefährlich oder bedeutungslos ist. Aufmerksamkeit und Erfahrungen beeinflussen diese Bewertung.
Bildgebende Untersuchungen an jungen Menschen mit Autismus und ausgeprägter sensorischer Überempfindlichkeit zeigten stärkere Reaktionen in Bereichen, die an der Verarbeitung von Sinnesreizen und emotional bedeutsamen Informationen beteiligt sind. Besonders bei gleichzeitig präsentierten Geräusch- und Berührungsreizen waren stärkere Reaktionen zu beobachten. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass bei jeder reizempfindlichen Person dieselben Veränderungen vorliegen. Solche Gruppenuntersuchungen können Zusammenhänge sichtbar machen, ersetzen aber keine individuelle Diagnose (Green et al., 2015).
Die Forschung macht außerdem deutlich, dass nicht nur die Intensität eines Reizes entscheidend ist. Auch die Fähigkeit, sich an wiederholte Reize zu gewöhnen, störende Informationen zu hemmen und Aufmerksamkeit gezielt zu steuern, spielt eine Rolle. Sensorische Reizverarbeitung ist deshalb kein rein passiver Vorgang, sondern das Ergebnis des Zusammenspiels von Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gefühlen und Verhalten.
Was sind die Symptome einer Reizfilterstörung?
Eine ausgeprägte Reizempfindlichkeit kann sich sehr unterschiedlich äußern. Betroffene fühlen sich in lauten, hellen oder unübersichtlichen Umgebungen häufig schnell überfordert. Gespräche in Restaurants, Großraumbüros oder öffentlichen Verkehrsmitteln können anstrengend sein, weil Hintergrundgeräusche nur schwer ausgeblendet werden. Manche Menschen reagieren empfindlich auf flackerndes Licht, intensive Farben, starke Gerüche, bestimmte Stoffe oder Etiketten in der Kleidung.
Während einer Reizüberlastung können Konzentrationsprobleme, innere Unruhe, Gereiztheit, Kopfschmerzen, Erschöpfung oder ein starkes Bedürfnis nach Rückzug entstehen. Kinder reagieren möglicherweise mit Weinen, Verweigerung, Wutausbrüchen oder dem Verlassen einer Situation. Solche Reaktionen werden gelegentlich fälschlicherweise als schlechtes Benehmen interpretiert, obwohl sie Ausdruck einer tatsächlichen Überforderung sein können.
Andere Menschen wirken dagegen verträumt, reagieren verzögert oder benötigen besonders deutliche Ansprache. Bei einer starken Suche nach Reizen können häufige Bewegung, Schaukeln, Berühren von Gegenständen oder ein Bedürfnis nach kräftigem Druck auffallen. Entscheidend ist nicht das einzelne Verhalten, sondern das wiederkehrende Muster und die Frage, ob dadurch Schule, Beruf, Beziehungen oder alltägliche Tätigkeiten beeinträchtigt werden (Passarello et al., 2022).
Die Symptome einer Reizfilterstörung können sehr unterschiedlich sein und können von Person zu Person variieren. Einige der häufigsten Symptome von Reizfilterstörungen sind:
Schwierigkeiten bei der Konzentration: Betroffene haben Schwierigkeiten, sich auf bestimmte Aufgaben oder Aktivitäten zu konzentrieren und sind leicht ablenkbar.
Schwierigkeiten beim Abschließen von Aufgaben: Betroffene haben Schwierigkeiten, Aufgaben zu Beginnen und zu beenden, und haben Probleme damit, sich zu motivieren.
Hochsensibilität gegenüber bestimmten Reizen: Betroffene sind überempfindlich gegenüber bestimmten Reizen wie Lärm, Helligkeit oder Berührung und reagieren stärker darauf als andere Menschen.
Schwierigkeiten im sozialen Miteinander: Betroffene haben Schwierigkeiten, sich an gesellschaftliche Normen und Erwartungen anzupassen und können Schwierigkeiten haben, Freundschaften zu schließen oder in Gruppen zu arbeiten.
Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben: Betroffene haben Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben und haben Probleme damit, längere Texte zu verstehen oder zu verfassen.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Symptome von Reizfilterstörungen individuell sehr unterschiedlich sein können und dass nicht alle Betroffenen alle Symptome haben müssen.
Auswirkungen auf Schule, Beruf und soziale Beziehungen
Wenn alltägliche Sinneseindrücke als übermäßig intensiv erlebt werden, kostet ihre Verarbeitung viel Energie. Betroffene können sich in einer ruhigen Umgebung gut konzentrieren, während ihre Leistungsfähigkeit in einem Großraumbüro oder Klassenzimmer deutlich abnimmt. Dies wird von Außenstehenden manchmal als mangelnde Motivation oder fehlende Belastbarkeit missverstanden.
Auch soziale Situationen können anstrengend sein. Bei einem Treffen müssen gleichzeitig Stimmen, Gesichtsausdrücke, Bewegungen, Gerüche und räumliche Eindrücke verarbeitet werden. Wer sich stark auf die sensorische Belastung konzentrieren muss, kann Schwierigkeiten haben, einem Gespräch zu folgen oder angemessen zu reagieren. Nach solchen Situationen besteht häufig ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Ruhe.
Bei Kindern können sensorische Schwierigkeiten außerdem Essen, Körperpflege, Kleidung, Schlaf und Familienaktivitäten beeinflussen. Eine fundierte Beurteilung sollte deshalb nicht nur einzelne Symptome erfassen, sondern auch untersuchen, welche konkreten Tätigkeiten und Lebensbereiche betroffen sind.
Welche Talente haben Menschen mit einer Reizfilterstörung?
Menschen mit einer erhöhten Reizempfindlichkeit werden häufig pauschal als besonders kreativ, empathisch, musikalisch oder detailorientiert beschrieben. Solche Aussagen können positiv gemeint sein, sind wissenschaftlich jedoch nicht allgemein auf alle Betroffenen übertragbar. Eine sensorische Besonderheit führt nicht automatisch zu einer bestimmten Begabung.
Gleichzeitig kann eine differenzierte Wahrnehmung in passenden Situationen durchaus mit persönlichen Stärken verbunden sein. Manche Menschen bemerken feine Veränderungen in ihrer Umgebung, arbeiten sorgfältig oder entwickeln ein ausgeprägtes Gespür für Klänge, Formen, Bewegungen oder Stimmungen. Ob daraus eine besondere Fähigkeit entsteht, hängt jedoch von zahlreichen Faktoren wie Interessen, Erfahrung, Förderung, Persönlichkeit und Umfeld ab.
Es ist deshalb sinnvoller, nicht nach allgemeinen „Vorteilen der Reizfilterstörung“ zu suchen, sondern die individuellen Fähigkeiten eines Menschen ernst zu nehmen. Unterstützung sollte nicht darauf ausgerichtet sein, jede Abweichung zu beseitigen. Ziel ist vielmehr, belastende Situationen zu reduzieren und gleichzeitig persönliche Stärken, Selbstbestimmung und Teilhabe zu fördern.
Es ist wichtig zu beachten, dass jede Person individuell ist und dass Menschen mit einer Reizfilterstörung wie jeder andere Mensch Talente, Stärken und Schwächen haben.
Hier sind ein paar weitere Begabungen oder Vorteile, die Menschen mit einer Reizfilterstörung haben können:
Analytische Fähigkeiten: Manche Menschen mit einer Reizfilterstörung haben ein ausgeprägtes analytisches Denkvermögen und sind in der Lage, komplexe Probleme zu lösen.
Kreativität: Manche Menschen mit einer Reizfilterstörung sind sehr kreativ und haben eine ausgeprägte Phantasie.
Einfühlsamkeit: Manche Menschen mit einer Reizfilterstörung sind sehr einfühlsam und haben die Fähigkeit, die Gefühle anderer Menschen gut zu verstehen und zu respektieren.
Detailgenauigkeit: Manche Menschen mit einer Reizfilterstörung haben eine hohe Aufmerksamkeit für Details und sind in der Lage, sorgfältig und genau zu arbeiten.
Musikalität: Manche Menschen mit einer Reizfilterstörung haben eine Vorliebe für Musik und sind talentiert im Singen, Instrumentalspiel oder im Musikproduzieren.
Künstlerische Fähigkeiten: Manche Menschen mit einer Reizfilterstörung haben eine Vorliebe für Kunst und sind talentiert im Malen, Zeichnen oder in anderen künstlerischen Bereichen.
Leidenschaft: Manche Menschen mit einer Reizfilterstörung haben eine starke Leidenschaft für bestimmte Themen oder Hobbys und sind engagiert und motiviert, sich tiefer in diesen Bereichen zu vertiefen.
Es ist wichtig, dass Menschen mit einer Reizfilterstörung die Unterstützung und das Verständnis erhalten, die sie brauchen, um ihre Stärken auszubauen und ihre Schwächen zu überwinden.
Wie wird eine Reizfilterstörung Diagnostiziert?
Da „Reizfilterstörung“ keine einheitliche eigenständige Diagnose ist, gibt es auch keinen einzelnen Test, der sie zweifelsfrei feststellen kann. Eine fachgerechte Abklärung beginnt mit einer ausführlichen Anamnese. Dabei wird erfragt, welche Reize Beschwerden auslösen, seit wann die Empfindlichkeit besteht, in welchen Situationen sie auftritt und wie stark der Alltag beeinträchtigt ist.
Bei Kindern sollten Informationen aus unterschiedlichen Lebensbereichen einbezogen werden. Das Verhalten zu Hause kann sich deutlich vom Verhalten in der Schule oder im Kindergarten unterscheiden. Gespräche mit Eltern, Lehrpersonen und anderen Bezugspersonen können deshalb hilfreich sein. Bei Erwachsenen sind unter anderem Arbeitsbedingungen, Schlaf, Stress, psychische Belastungen und mögliche körperliche Beschwerden relevant.
Fragebögen wie das Sensory Profile oder das Adolescent/Adult Sensory Profile können typische Reaktionsmuster erfassen. Solche Instrumente liefern wichtige Hinweise, dürfen aber nicht isoliert verwendet werden. Selbst- und Fremdbeurteilungen können durch Erwartungen, Erinnerungen und die jeweilige Situation beeinflusst werden. Eine umfassende Einschätzung verbindet deshalb Fragebögen mit klinischen Gesprächen, Beobachtungen und gegebenenfalls medizinischen Untersuchungen (Passarello et al., 2022).
Je nach Beschwerden können eine kinderärztliche, hausärztliche, neurologische, psychiatrische, psychologische, ergotherapeutische, augenärztliche oder hals-nasen-ohrenärztliche Untersuchung sinnvoll sein. Die Zuständigkeit richtet sich danach, welche Symptome im Vordergrund stehen.
Welche ähnlichen Erkrankungen gibt es?
Eine erhöhte Reizempfindlichkeit ist kein eindeutiges Zeichen für eine bestimmte Erkrankung. Sie kann im Zusammenhang mit Autismus oder ADHS auftreten, kommt aber auch bei Menschen ohne neuroentwicklungsbedingte Diagnose vor. Angst, chronischer Stress und traumatische Erfahrungen können die Aufmerksamkeit stark auf mögliche Gefahren lenken und dadurch die Wahrnehmung bestimmter Reize verstärken.
Konzentrationsprobleme und schnelle Überforderung können außerdem durch Depressionen, Schlafmangel, Erschöpfung, Migräne oder körperliche Erkrankungen entstehen. Eine Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen sollte von Hörstörungen, Tinnitus und Hyperakusis abgegrenzt werden. Bei ausgeprägter Lichtempfindlichkeit kommen unter anderem Migräne, Nebenwirkungen von Medikamenten sowie Erkrankungen der Augen oder des Nervensystems infrage.
Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben sind dagegen nicht automatisch eine Folge sensorischer Überempfindlichkeit. Sie können auf eine spezifische Lernstörung, Sehprobleme, Aufmerksamkeitsprobleme oder andere Ursachen hinweisen. Deshalb sollte nicht versucht werden, sehr unterschiedliche Beschwerden allein mit einer vermeintlichen Reizfilterstörung zu erklären.
Es gibt einige psychische Störungen, die ähnliche Symptome wie eine Reizfilterstörung haben können. Dazu gehören:
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung): Menschen mit ADHS haben ähnliche Schwierigkeiten bei der Konzentration und beim Abschließen von Aufgaben wie Menschen mit einer Reizfilterstörung. Sie können aber auch hyperaktiv und impulsiv sein.
Autismus: Menschen mit Autismus haben oft Schwierigkeiten, sich an gesellschaftliche Normen und Erwartungen anzupassen und haben Schwierigkeiten im sozialen Miteinander. Sie können auch überempfindlich gegenüber bestimmten Reizen sein.
Schizophrenie: Menschen mit Schizophrenie haben manchmal Schwierigkeiten, sich auf bestimmte Aufgaben oder Aktivitäten zu konzentrieren und können überempfindlich gegenüber bestimmten Reizen sein. Sie können auch halluzinieren und Wahnvorstellungen haben.
Es ist wichtig zu beachten, dass diese Störungen unterschiedliche Ursachen haben und unterschiedliche Behandlungen erfordern können. Es ist daher wichtig, dass eine genaue Diagnose gestellt wird, um die richtige Behandlung zu erhalten. Wenn Sie glauben, dass Sie oder jemand, den Sie kennen, möglicherweise an einer Reizfilterstörung oder einer ähnlichen Störung leiden, sollten Sie sich an einen Psychologen oder Psychiatriebetreuer wenden. Sie können Ihnen bei der Diagnose und Behandlung der Störung helfen.
Wie behandelt der Arzt eine Reizfilterstörung?
Die Behandlung richtet sich nicht nach dem umgangssprachlichen Begriff „Reizfilterstörung“, sondern nach den tatsächlichen Beschwerden, den zugrunde liegenden Ursachen und den individuellen Zielen. Eine Person mit Autismus und starker Geräuschempfindlichkeit benötigt möglicherweise eine andere Unterstützung als jemand, dessen Reizempfindlichkeit hauptsächlich während einer Angst- oder Erschöpfungsphase auftritt.
Ein wichtiger Bestandteil kann die Anpassung der Umgebung sein. Dazu gehören ein ruhiger Arbeitsplatz, bessere Beleuchtung, planbare Pausen, Rückzugsmöglichkeiten oder eine Verringerung gleichzeitig auftretender Reize. Solche Anpassungen sind keine Vermeidung jeder Belastung, sondern können die Voraussetzung dafür schaffen, dass die Person überhaupt lernen, arbeiten und am sozialen Leben teilnehmen kann.
Ergotherapeutische Maßnahmen können helfen, individuelle Reaktionsmuster zu erfassen und alltagsnahe Strategien zu entwickeln. Für bestimmte sensorisch-integrative Behandlungen bei autistischen Kindern gibt es Hinweise auf mögliche Verbesserungen individueller Alltagsziele. Die vorhandenen Studien umfassen jedoch teilweise kleine Gruppen und lassen sich nicht ohne Weiteres auf alle Altersgruppen, Diagnosen oder Behandlungsformen übertragen (Schaaf et al., 2014).
Psychotherapeutische Verfahren können sinnvoll sein, wenn Angst, Vermeidungsverhalten, anhaltender Stress oder negative Bewertungen die Beschwerden verstärken. Dabei kann gelernt werden, Überforderung frühzeitig zu erkennen, Gedanken und körperliche Reaktionen besser einzuordnen und schrittweise neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
Es gibt kein Medikament, das allgemein gegen eine „Reizfilterstörung“ zugelassen oder für alle Betroffenen geeignet ist. Medikamente können jedoch im Rahmen einer fachlich diagnostizierten Grunderkrankung eingesetzt werden, beispielsweise bei ADHS, einer Angststörung, Depression oder Migräne. Sie sollten nicht allein aufgrund einer unspezifischen Reizempfindlichkeit eingenommen werden.
Einige der häufigsten Behandlungen für Reizfilterstörungen sind:
Psychotherapie: Psychotherapie, auch als Gesprächstherapie bekannt, ist eine wirksame Behandlung für Reizfilterstörungen. Es gibt verschiedene Formen der Psychotherapie, die für Menschen mit einer Reizfilterstörung nützlich sein können, wie zum Beispiel die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) oder die Verhaltenstherapie.
Medikamente: In manchen Fällen können Medikamente helfen, die Symptome einer Reizfilterstörung zu lindern. Es gibt verschiedene Medikamente, die zur Behandlung von Reizfilterstörungen eingesetzt werden, wie zum Beispiel Stimulanzien oder Antidepressiva.
Ergotherapie ist eine Behandlung, die darauf abzielt, Betroffenen bei der Verbesserung ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten zu helfen, die sie im Alltag brauchen. Ergotherapie kann bei der Verbesserung der Konzentration und der Fähigkeit, Aufgaben abzuschließen, helfen, und kann auch bei der Verbesserung der Fähigkeit, sich an gesellschaftliche Normen und Erwartungen anzupassen, nützlich sein.
Es gibt auch andere Behandlungen, die für Menschen mit einer Reizfilterstörung nützlich sein können, wie zum Beispiel Bildungs- und Karrieresberatung oder Familientherapie. Es ist wichtig, dass die Behandlung individuell auf die Bedürfnisse und Ziele des Betroffenen abgestimmt wird.
Was kann ich selbst gegen eine Reizfilterstörung tun?
Im ersten Schritt kann es hilfreich sein, die eigenen Auslöser systematisch zu beobachten. Ein Tagebuch kann zeigen, ob Beschwerden besonders bei Lärm, Menschenmengen, Zeitdruck, Schlafmangel oder mehreren gleichzeitig auftretenden Reizen entstehen. Häufig wird dabei deutlich, dass nicht ein einzelner Reiz, sondern die gesamte Belastung eines Tages entscheidend ist.
Die Umgebung lässt sich oft mit einfachen Veränderungen entlasten. Dazu können ein ruhiger Arbeitsplatz, gedämpftes Licht, geräuschärmere Zeiten zum Einkaufen oder kurze Pausen zwischen anstrengenden Terminen gehören. Gehörschutz oder geräuschreduzierende Kopfhörer können in besonders lauten Situationen hilfreich sein. Eine dauerhafte vollständige Abschirmung sollte jedoch mit Bedacht eingesetzt werden, da sie den Alltag zusätzlich einschränken und die Gewöhnung an normale Umweltreize erschweren kann.
Feste Routinen und klare Tagesstrukturen reduzieren Unvorhersehbarkeit. Wer weiß, wann belastende Situationen auftreten, kann Pausen, Essen und Erholungszeiten besser planen. Auch ausreichender Schlaf, regelmäßige Bewegung und eine realistische Verteilung von Aufgaben können die allgemeine Belastbarkeit verbessern.
Entspannungsverfahren wie ruhiges Atmen, progressive Muskelentspannung, Meditation oder achtsamkeitsbasierte Übungen können helfen, die körperliche Anspannung zu reduzieren. Sie beseitigen sensorische Besonderheiten nicht, können aber verhindern, dass Stress und Reizempfindlichkeit sich gegenseitig weiter verstärken.
Ebenso wichtig ist eine klare Kommunikation. Betroffene dürfen erklären, dass Hintergrundmusik, grelles Licht oder mehrere gleichzeitige Gespräche ihre Konzentration beeinträchtigen. Konkrete Wünsche wie das Schließen einer Tür, ein ruhigerer Sitzplatz oder eine kurze Pause sind für andere häufig leichter nachvollziehbar als die allgemeine Aussage, dass gerade „alles zu viel“ sei.
Umgebung anpassen: Schaffen Sie eine ruhige und stimulationsarme Umgebung, in der Sie sich wohl fühlen. Reduzieren Sie Lärm, Helligkeit und andere störende Reize in Ihrer Umgebung, um Ihre Sinne zu entlasten.
Routinen und Struktur: Bauen Sie feste Routinen und Strukturen in Ihren Alltag ein, um Sicherheit und Vorhersehbarkeit zu schaffen. Dies kann Ihnen helfen, sich besser zu orientieren und mit Reizen umzugehen.
Entspannungstechniken: Lernen Sie Entspannungstechniken wie Meditation, tiefes Atmen oder progressive Muskelentspannung. Diese Techniken können dazu beitragen, Ihre Reizbarkeit zu reduzieren und Stress abzubauen.
Selbstfürsorge: Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit für Selbstfürsorge und Entspannung. Identifizieren Sie Aktivitäten, die Ihnen Freude bereiten und Ihnen helfen, sich zu entspannen, wie z.B. Spaziergänge in der Natur, Lesen oder das Hören beruhigender Musik.
Grenzen setzen: Lernen Sie, Ihre Grenzen zu erkennen und zu respektieren. Sagen Sie "Nein" zu Aktivitäten oder Situationen, die Ihnen zu überwältigend sind, und setzen Sie klare Grenzen, um sich selbst zu schützen.
Unterstützung suchen: Suchen Sie Unterstützung bei Fachleuten wie Therapeuten, die Ihnen helfen können, mit Ihrer Reizfilterschwäche umzugehen. Sie können Ihnen dabei helfen, geeignete Bewältigungsstrategien zu entwickeln und Ihnen bei der Verarbeitung von Emotionen und Stress zu helfen.Informieren Sie sich: Es kann hilfreich sein, mehr über Reizfilterstörungen und ihre Symptome zu erfahren, um besser zu verstehen, was Sie möglicherweise erleben.
Sprechen Sie mit einem Arzt oder Psychologen: Ein Arzt oder Psychologe kann Ihnen helfen, festzustellen, ob Sie an einer Reizfilterstörung leiden und welche Behandlungsmöglichkeiten für Sie in Frage kommen.
Setzen Sie sich realistische Ziele: Wenn Sie an einer Reizfilterstörung leiden, kann es schwierig sein, Aufgaben zu beginnen und abzuschließen. Es kann hilfreich sein, sich realistische Ziele zu setzen und sich Zeit zu nehmen, um sie zu erreichen.
Wann sollte professionelle Hilfe gesucht werden?
Eine fachliche Abklärung ist sinnvoll, wenn die Reizempfindlichkeit neu auftritt, deutlich zunimmt oder Schule, Beruf, Beziehungen, Schlaf und Selbstversorgung erheblich beeinträchtigt. Auch starke Kopfschmerzen, Schwindel, Hör- oder Sehveränderungen, neurologische Auffälligkeiten und andere körperliche Begleitsymptome sollten medizinisch untersucht werden.
Bei Kindern sollte Unterstützung gesucht werden, wenn sensorische Reaktionen regelmäßig zu starker Verzweiflung, Rückzug, Verweigerung oder Konflikten führen. Eine frühe Abklärung kann dazu beitragen, die Bedürfnisse des Kindes besser zu verstehen und ungünstige Zuschreibungen wie „unwillig“, „schwierig“ oder „schlecht erzogen“ zu vermeiden.
Das Ziel einer Untersuchung besteht nicht zwangsläufig darin, eine Diagnose zu finden. Häufig ist es bereits hilfreich, belastende Faktoren zu erkennen, andere Erkrankungen auszuschließen und konkrete Anpassungen für den Alltag zu entwickeln.
Fazit
Der Begriff „Reizfilterstörung“ beschreibt meist das subjektive Erleben, von Geräuschen, Licht, Berührungen oder anderen Eindrücken schneller überfordert zu werden. Er bezeichnet jedoch keine klar abgegrenzte eigenständige psychische Erkrankung. Sensorische Auffälligkeiten können als individuelles Wahrnehmungsmuster auftreten, aber auch Bestandteil unterschiedlicher neurologischer, psychischer oder neuroentwicklungsbedingter Erkrankungen sein.
Entscheidend ist daher nicht das Etikett, sondern die Frage, welche Reize Probleme verursachen, wie stark der Alltag beeinträchtigt ist und welche Ursachen dahinterstehen könnten. Eine sorgfältige Diagnostik und individuell angepasste Strategien können dazu beitragen, Überlastungen zu reduzieren, die eigene Wahrnehmung besser zu verstehen und die Teilhabe am Alltag zu verbessern.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche, psychologische oder therapeutische Untersuchung.
Wissenschaftliche Quellen
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