Schulterschmerzen nachts: Ursachen, Mechanismen, Diagnose & wirksame Behandlung
- Roman Welzk | Gründer mein-physio.info

- vor 4 Tagen
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Warum treten Schulterschmerzen besonders nachts auf?
Viele Menschen erleben tagsüber kaum Beschwerden, doch sobald sie zur Ruhe kommen oder sich ins Bett legen, beginnen stechende, drückende oder ziehende Schulterschmerzen, die sie am Einschlafen hindern oder nachts immer wieder wecken. Dieses Phänomen ist weit verbreitet – und gleichzeitig ein starkes Warnsignal dafür, dass Strukturen im Schultergelenk gereizt oder entzündet sind.
Nachtschmerz hat in der Medizin einen besonderen Stellenwert: Er zeigt an, dass die Schulter unter Belastung und im Ruhezustand beeinträchtigt ist. Tagsüber kompensiert der Körper Vieles durch Bewegung, Wärme und Muskelaktivität. Nachts jedoch sinkt die Durchblutung, die Muskulatur entspannt sich – und entzündete Strukturen werden deutlich spürbarer.
Doch warum ist gerade die Schulter so anfällig für nächtliche Beschwerden? Um das zu verstehen, muss man die Anatomie, die Schlafposition und die Mechanik des Gelenks betrachten.
Warum entstehen Schulterschmerzen nachts? – Die wichtigsten Mechanismen
Es gibt mehrere Gründe, warum die Schulter nachts stärker schmerzt als tagsüber. Meist wirken mehrere dieser Faktoren gleichzeitig.
1. Verringere Durchblutung in Ruhephasen
Im Schlaf sinkt der Blutdruck und die muskuläre Aktivität – entzündete Strukturen erhalten weniger Durchblutung. Das bedeutet:
weniger „Spülung“ entzündlicher Stoffwechselprodukte
erhöhte Schmerzempfindlichkeit
längere Reizzeiten im gleichen Gewebe
Dieser Mechanismus erklärt, warum Menschen mit Bursitis oder Sehnenreizungen nachts deutlich mehr Schmerzen empfinden.
2. Druck im Liegen – besonders auf der Seite
Die Schlafposition ist einer der stärksten Einflussfaktoren.
Beim Liegen auf der betroffenen Schulter werden folgende Strukturen komprimiert:
subakromialer Schleimbeutel
Supraspinatussehne
Bizepssehne
AC-Gelenk
Der Druck erhöht die Gewebespannung und verstärkt die Entzündungsreaktion. Selbst beim Liegen auf der gesunden Seite kann die betroffene Schulter schmerzen, weil der Arm nach vorne rutscht und die Sehne unter das Schulterdach gezogen wird.
3. Ruhige Position = keine muskuläre Stabilisierung
Tagsüber schützt die aktive Muskulatur die Schulter vor Einengung. Nachts jedoch:
fällt die Muskelspannung ab
sinkt die Gelenkstabilität
kommt es leichter zu einer mechanischen Einklemmung
Diese Instabilität verstärkt besonders Rotatorenmanschettenreizungen.
4. Entzündliche Prozesse verstärken sich in Ruhe
Chronische Entzündungen (Bursitis, Tendinitis, Arthritis) reagieren auf Ruhephasen mit einem Anstieg entzündlicher Stoffe. Dadurch kommt es typischerweise zu:
morgendlicher Steifheit
nächtlichen Schmerzspitzen
verstärkten Schmerzen beim ersten Bewegen nach dem Aufstehen
5. Nervenreizungen und ungünstige Schlafpositionen
Ein eingeklemmter Nerv in der HWS oder im Schultergürtel kann im Liegen stärker komprimiert werden und zu ausstrahlenden Beschwerden führen.
Die häufigsten Ursachen für nächtliche Schulterschmerzen
1. Subakromiale Bursitis (Schleimbeutelentzündung)
Die häufigste Ursache. Die Bursa unter dem Schulterdach entzündet sich und reagiert besonders empfindlich auf Druck und Ruhelage.
Typisch:
Schmerzen beim Liegen auf der Seite
nächtliches Erwachen durch stechenden Schmerz
starke Druckempfindlichkeit
2. Rotatorenmanschetten-Tendinopathien oder -Risse
Reizungen oder kleine Einrisse in der Supraspinatus- oder Infraspinatussehne verursachen starke Nachtschmerzen, da die Sehne unter dem Schulterdach eingeengt wird.
Typisch:
Schmerzen beim Abspreizen des Arms
Kraftverlust
sehr starke nächtliche Druckempfindlichkeit
3. Impingement-Syndrom
Beim Impingement wird die Sehne beim Heben des Arms eingeengt – im Liegen wird dieser Druck oft unbewusst verstärkt.
Typisch:
Schmerz beim Armheben über Schulterhöhe
Nachtschmerzen in Seitenlage
stechender Schmerz bei bestimmten Armpositionen
4. Kalkschulter (Tendinosis calcarea)
Kalkablagerungen in der Supraspinatussehne führen zu massiven Entzündungsreaktionen.
Typisch:
extrem starke Nachtschmerzen
plötzliche Schmerzattacken
kaum möglich, auf der Schulter zu liegen
5. Arthritis oder Arthrose des AC-Gelenks
Das Schultereckgelenk reagiert empfindlich auf Druck – besonders wenn der Arm über den Körper gezogen wird.
6. Nervenreizungen aus der HWS
Die Schmerzen strahlen oft bis in den Arm aus und verstärken sich nachts, wenn der Hals einseitig abgeknickt liegt.
Diagnose: Wie findet man die tatsächliche Ursache der Nachtschmerzen?
Eine präzise Diagnose ist entscheidend, weil jede Ursache eine andere Behandlung benötigt.
1. Anamnese mit Fokus auf nächtliche Muster
Wichtig sind Fragen wie:
Auf welcher Seite schlafen Sie?
Verstärkt sich der Schmerz beim Arm über dem Kopf?
Werden Sie nachts wach?
Strahlt der Schmerz in Arm oder Hand aus?
Diese Hinweise lenken die Diagnostik in die richtige Richtung.
2. Körperliche Untersuchung
Der Therapeut testet:
Schulterbeweglichkeit
Druckschmerzpunkte
Rotatorenmanschetten-Kraft
Nervenmobilität
HWS- und BWS-Funktion
3. Bildgebung
Ultraschall: ideal für Sehnen und Bursa
Röntgen: bei Kalkschulter oder knöchernen Veränderungen
MRT: zur Beurteilung struktureller Schäden
Behandlung von nächtlichen Schulterschmerzen
Die Behandlung richtet sich nach der Ursache, umfasst aber häufig mehrere Bausteine.
1. Physiotherapie – zentraler Bestandteil der Behandlung
Moderne physiotherapeutische Ansätze beruhen auf:
Verbesserung der Schulterblattkontrolle
Kräftigung der Rotatorenmanschette
Mobilisation der Brustwirbelsäule
Entlastung entzündeter Strukturen
Normalisierung der Gelenkmechanik
Gezielte Übungen verbessern die Haltefunktion und reduzieren Druck auf die empfindlichen Strukturen.
2. Optimierte Schlafposition
Eine der wichtigsten Sofortmaßnahmen:
Nicht auf der betroffenen Seite schlafen
Ein großes Kissen zur Stabilisierung des Arms nutzen
Seitenlage: Arm auf ein Kissen legen, sodass keine Zugspannung entsteht
Rückenlage: kleines Kissen unter den Ellenbogen, damit der Arm nicht nach außen rotiert
3. Wärme oder Kälte?
Akut entzündet: Kälte reduziert Schmerz
Verspannte Muskulatur: Wärme entspannt und verbessert die Durchblutung
4. Medikamentöse Unterstützung
Bei starken Entzündungen:
NSAR wie Ibuprofen oder Diclofenac
in schweren Fällen: Cortison-Injektion (gezielt und sparsam eingesetzt)
5. Behandlung von Nervenreizungen
Wenn Arm oder Hand beteiligt sind:
Neurodynamische Übungen
Mobilisation der HWS
Korrektur von Fehlhaltungen
6. Operative Maßnahmen
Nur bei strukturellen Schäden oder chronischem Impingement.
Prognose
In 80–90 % aller Fälle lassen sich nächtliche Schulterschmerzen vollständig beheben, wenn:
die Ursache korrekt diagnostiziert wird
die Schulter stabilisiert und bewegt wird
der Schlaf angepasst wird
entzündete Strukturen richtig behandelt werden
Der Heilungsweg dauert je nach Schweregrad zwischen 2 Wochen und 3 Monaten.
Fazit
Nächtliche Schulterschmerzen sind ein deutliches Zeichen, dass Strukturen im Schultergelenk gereizt oder überfordert sind. Die gute Nachricht: Mit einer gezielten Diagnose, moderner Physiotherapie, einer optimierten Schlafposition und bei Bedarf medizinischer Unterstützung lassen sich die Beschwerden zuverlässig und nachhaltig verbessern.
Schlaflose Nächte sind kein Zustand, den man akzeptieren muss – die Schulter heilt, wenn man versteht, was sie nachts belastet und wie man gezielt entlastet.
Artikel geprüft von: Roman Welzk




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